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Uwe Schrader Edition

Kanakerbraut (D 1984), Mau-Mau (D 1992) und Sierra Leone (D 1987).
232 Min. Arthaus ab 19.8.10

Sp: Deutsch (DD 1.0). Ut: keine. Bf: 1.85:1 anamorph, 1.66:1 anamorph. Ex: Bonusfilm Kein Mord, kein Totschlag, Drehbericht zu Sierra Leone, Interviews zu Kanakerbraut und Sierra Leone, Fotogalerien, Filmkritiken als PDF, Trailer.

Kiezkino

Von Oliver Baumgarten Vollkommen zurecht gelten die 1980er Jahre hinsichtlich ihrer filmgeschichtlichen Relevanz als ein ziemlich unbedeutendes Jahrzehnt des deutschen Kinos. Der Neue Deutsche Film hatte seine Höhepunkte längst hinter sich, seine Vertreter wanderten entweder ins Ausland ab (Wim Wenders, Volker Schlöndorff, Helma Sanders-Brahms) oder verzettelten sich in Großprojekten (Rainer Werner Fassbinder). Der Unterhaltungsfilm wiederum setzte einige wenige Monolithen (Das Boot, Loriot) in die karge Landschaft, wurde aber ansonsten großflächig aus dem Umfeld der unerträglichen Lisa Film bestückt. Nach Werken mit eigenständiger Filmsprache, mit persönlicher Note, die jene Dekade nachträglich geprägt haben, danach muß man wirklich lange suchen.

Gesucht oder jedenfalls gefunden hat das Arthaus-Label aber genau das: das Œuvre eines Filmemachers aus den 80er Jahren, dessen Handschrift begeistert – heute vielleicht sogar mehr als damals, als Uwe Schraders Filme in Deutschland wohl ähnlich fremd gewirkt haben müssen wie seine jenseits der Gesellschaft stehenden Hauptfiguren im Umfeld bizarren 80er-Jahre-Wohlstands. Sieht man mal von den Kurzfilmen ab, dann umfassen drei Spielfilme und ein Dokumentarfilm Schraders Werk, das zwischen 1983 und 1992 entstanden ist und als »Uwe Schrader Edition« bei Arthaus auf DVD veröffentlicht wurde.

Am bekanntesten mag noch sein rund 60 Minuten langer Debütfilm Kanakerbraut von 1983 erscheinen, angeblich mit 10.000 DM Restbudget aus dem abgeschlossenen dffb-Studium entstanden. Trotz seiner ungewöhnlichen Lauflänge wurde der Film als einziger deutscher Beitrag in den Wettbewerb nach Cannes eingeladen und gewann zudem den Bundesfilmpreis für Beste Regie. Schrader erzählt in Kanakerbraut aus dem Alltag vom arbeitslosen Paul, der sich zwischen Peepshow, Trinkerkneipe und verdreckter Bude ein Leben einzurichten versucht. Als er Lisa kennenlernt, hofft er auf mehr, auf eine Beziehung vielleicht, die seine Gefühlswelt und seine Lebensumstände wieder näher an vergangene bessere Zeiten bringen könnte.

Gleich in diesem Erstling Kanakerbraut entwickelt Uwe Schrader die wesentlichen Elemente seines prägnanten Stils. In der Tradition eines Sozialrealismus stehend, wie er damals schon aus England, aber vor allem auch aus der DDR bekannt war, schildert Schrader mit Hilfe dokumentarischer Mittel Episoden aus einem Milieu, das so unvoreingenommen in Deutschland damals kaum gezeigt wurde. Von wenigen Ausnahmen wie Peter Franke und Brigitte Janner als Paul und Lisa abgesehen, besetzt Schrader Laienschauspieler direkt aus der Szene in Kreuzberg und lässt sie in ihrem eigenen Kiez agieren. Uwe Schrader klagt weder Mißstände an noch will er gar Mitleid erzeugen, vielmehr unternimmt er den Versuch der Nivellierung gesellschaftlicher Unterschiede im filmischen Blick auf die Protagonisten, den Versuch genauen Beobachtens. Und besonders die großartige Handkamera von Klaus Müller-Laue in allen vier Filmen unterstützt dieses Unterfangen auf spannende Weise, weil sie uns mitten hinein nimmt in dieses Milieu, weil sie es hervorragend beschreibt, weil sie es aber selbstverständlich nicht unkommentiert läßt, auch wenn sie ebenso wie die Inszenierung den Anschein gibt.

Aus heutiger Sicht erscheinen diese Elemente der Inszenierung als nicht mehr überraschend neu, weil ein realistisch oder dokumentarisch zu nennender Stil in der heutigen Filmemachergeneration immer wieder ganz selbstverständlich anzutreffen ist – wenn auch mit äußerst unterschiedlichem Ansatz und Erfolg. Aber vielleicht liegt hier genau auch der Reiz, der von Kanakerbraut, aber auch von den anderen beiden, zunehmend Plot aufweisenden Spielfilmen, Sierra Leone (1987) und Mau Mau (1992), ausgeht: In äußerst moderner Erzählweise geben sie uns sehr wahrhaftig erscheinende Einblicke in die Befindlichkeit westdeutscher vor allem unterprivilegierter Menschen kurz vor und kurz nach dem Mauerfall, in das Leben der Kiezpinten, Pilsstuben und Schlagerläden, in denen Sozialneid, Alkoholismus und immer wieder ein latenter und zuweilen durchaus auch sehr unverhohlener Rassismus herrschen. Alles wie heute also? Auf den ersten Blick vielleicht, aber gerade, was der zweite Blick, die zweite Ebene der Filme an die Oberfläche treibt, macht das Besondere aus.

Neben den Deutschland-Trilogien von Rainer Werner Fassbinder und Christoph Schlingensief erscheint jene des Uwe Schrader als wahrlich nicht minder bedeutend – wobei es sich ja eigentlich um eine Tetralogie handelt, denn seinen 45minütigen Dokumentarfilm Kein Mord, kein Totschlag von 1985 muß man zu seiner filmischen Zustandsbeschreibung der Bundesrepublik zwingend dazu rechnen. Hier nämlich setzt er seinen beobachtenden, versucht distanzierten Ansatz der Erzählung im Dokumentarischen um. In feinster Manier des Direct Cinema begleitet Schrader Berliner Streifenpolizisten auf Schicht, indem er ohne Kommentar, ohne Erklärungen und klassische Interviews auskommt und damit ein wirklich packendes Zeugnis jenes Milieus von der Außensicht zeichnet, das er in den Spielfilmen von innen porträtiert.

Als tolles Bonusmaterial also entpuppt sich der Dokumentarfilm Kein Mord, kein Totschlag – bleibt allerdings in dieser Hinsicht das einzig Erwähnenswerte. Neben ein paar kurzen Interviews mit Uwe Schrader und einigen Texten macht sich beim Bonusmaterial nämlich vor allem ein Manko bemerkbar: Es fehlen Schraders Kurzfilme, darunter insbesondere Phantom, für den er 1979 den Silbernen Bären auf der Berlinale gewann. Es bleibt zu hoffen, daß dies bei einer nächsten Auflage nachgeholt werden kann, um dann das Bild dieses hochinteressanten Regisseurs zu vervollständigen, der sich ab den frühen 1990ern komplett aus dem Produktionsgeschäft in die Hochschullehre zurückgezogen hat. 2011-04-11 09:50

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