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Im Angesicht des Verbrechens

D 2010. R: Dominik Graf. B: Rolf Basedow. K: Michael Wiesweg. S: Claudia Wolscht. M: Sven Rossenbach, Florian van Volxem. P: ARD Degeto Film, Arte, Bayerischer Rundfunk, Norddeutscher Rundfunk u.a. D: Max Riemelt, Ronald Zehrfeld, Marie Bäumer, Alina Levshin, Misel Maticevic, Mark Ivanir, Arved Birnbaum, Georgii Povolotskyi u.a.
488 Min. MFA+ ab 16.11.10

Sp: Deutsch, Französisch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Englisch, Spanisch, Russisch, Portugiesisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Making Of, Trailershow.

Besser fernsehen!

Von Jochen Werner Dominik Graf ist der einzige Regisseur, der konsequent und seit Jahrzehnten die deutsche TV-Serie als genuin künstlerische Ausdrucksform begreift. Das zieht sich aus den 1980er Jahren, als er die langlebige Krimiserie Der Fahnder aus der Taufe hob und so einen Versuch unternahm, von einer lässigeren deutschen Genreerzählung jenseits der Bürokratie des Gros der Fernsehermittler zu träumen, über zahlreiche herausragende Beiträge zu den Dauerbrennern Tatort und Polizeiruf 110 bis in die Gegenwart hinein, wo im vergangenen Jahr der unter widrigsten Umständen inszenierte und zur Premiere auf der Berlinale umjubelte Zehnteiler Im Angesicht des Verbrechens einen vorläufigen Höhepunkt markiert. Zumindest, was die Epik des gut achtstündigen Films einerseits und die öffentliche Rezeption andererseits betrifft, denn das eine oder andere Juwel aus Grafs reichhaltiger TV-Filmographie – Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel etwa, ein schwarzromantischer Taumel, oder die grandiose Genrekino-Petzoldiade Eine Stadt wird erpresst – überragt das Mammutwerk dann doch noch um ein spürbares Stück. Überhaupt scheint es schlüssiger, Im Angesicht des Verbrechens nicht an den 90-Minütern der Tatort-Reihe zu messen, die ja eher in Tonfall und Plot eigenständige TV-Filme durch wiederkehrendes Figurenarsenal verbindet, sondern eher an der zwischen Episodischem und Episch-Weitausgreifendem oszillierenden TV-Serie der neuen amerikanischen Schule.

In der Tat erweckt die eine oder andere Figurenentwicklung in Im Angesicht des Verbrechens durchaus den hartnäckigen Eindruck, Graf habe etwa bei einem Hauptwerk der amerikanischen TV-Serie wie The Sopranos genau und bewundernd hingeschaut – zu Recht, natürlich, und keineswegs in einem Maße, das die Eigenständigkeit seines Werkes in Zweifel ziehen würde. Wenn überhaupt, dann ist Im Angesicht des Verbrechens eine Art Übersetzung der US-Serie ins deutsche Fernsehen wie ins deutsche Milieu. Denn die überaus lebendigen Figuren bei Graf – mit Ausnahme vielleicht von Marie Bäumer, die wohl nicht nur aufgrund ihres etwas tragisch anmutenden Mangels an Ausdruck hier ein wenig herausfällt, sondern auch, weil gerade die Konflikte ihrer Figur ein wenig aus der genannten großen Vorlage herausgetrennt scheinen – sind durchweg an den schnoddrigen Ermittlern des deutschen Vorabendfernsehens einerseits und den im Krimigenre ubiquitären stereotypen Mafiosi orientiert und auch augenscheinlich eher wenig daran interessiert, von diesem funktionalen Grundgerüst aus in die Tiefe einzudringen. Stattdessen geht es Graf hier eher um eine möglichst mitreißende, fesselnde und lebenspralle Durchführung des klassisch gehaltenen Kriminalplots um Zigarettenschmuggel, Mädchenhandel, Korruption und die Zerrissenheit zwischen einander feindselig gegenüberstehenden Milieus.

Diese ist ihm dann auch einigermaßen furios gelungen: Obwohl die zehn Episoden eher durchgehend straff gehalten sind, statt in einer ansteigenden Spannungskurve anhand von Zuspitzung und Beschleunigung arrangiert, leistet sich die Serie so gut wie keinen echten Durchhänger. Und auch, wenn zum Finale hin manches nicht ganz zu Ende erzählt wirkt – hier hätte man, eine andere deutsche TV-Landschaft vorausgesetzt, wohl tatsächlich eine Staffellänge nach US-amerikanischem HBO-Maß durchaus sinnvoll füllen können – wird Graf wohl kaum einen Zuschauer unzufrieden aus seinem Achtstünder entlassen, der jetzt nach der Berlinale-Aufführung Dank der 4-DVD-Edition von MFA+ erneut der zwangsläufigen Zerstückelung durch das Sendeschema entrissen wurde und im Zusammenhang anschaubar wird. An der Edition selbst gibt es, wie auch an Im Angesicht des Verbrechens selbst, nur in Detailfragen etwas zu bemäkeln: So hätte man etwa dem Format der DVD-Box hier Rechnung tragen können, indem man ein Ausblenden der Zusammenfassungen des bisherigen Geschehens am Beginn jeder Episode – bei der zeitversetzten Betrachtung im TV hilfreich, hier aber eher störend redundant – angeboten hätte. Von dieser Kleinigkeit abgesehen ist aber im Grunde alles tadellos, Bild- und Tonqualität sind ordentlich, und die auf arte anläßlich der Erstausstrahlung ausgestrahlte, halbstündige und aufgrund der turbulenten Genese der Serie höchst interessante Making-of-Dokumentation ist ebenfalls enthalten. Somit muß für diesen Meilenstein der jüngeren deutschen TV-Geschichte, in absolut angemessener Form dargeboten, auch nochmals eine unbedingte Empfehlung ausgesprochen werden. 2011-04-06 09:50

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