— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Entscheidung vor Morgengrauen

Decision Before Dawn. USA 1951. R: Anatole Litvak. B: Peter Viertel. K: Frank Planer. S: Dorothy Spencer. M: Franz Waxman. P: Twentieth Century Fox Film Corporation. D: Richard Basehart, Gary Merrill, Oskar Werner, Hildegard Knef, Dominique Blanchar, O.E. Hasse, Wilfried Seyferth, Hans Christian Blech u.a.
115 Min. Al!ve ab 19.11.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.33:1. Ex: Trailer, Movietone News Clips (Hildegard Knef, Anatole Litvak), Bildergalerie.

Zwischen den Fronten und Stühlen

Von Carsten Tritt Obwohl als Produktion der Fox entstanden ist Entscheidung vor Morgengrauen alles andere als ein typisch amerikanischer Kriegsfilm. Mit Ausnahme des US-Brigadegenerals a.D. Frank McCarthy standen an den entscheidenden Stellen der Produktion Exilanten: Der in der Ukraine geborene Regisseur Anatole Litvak arbeitete 1925 bis 1933 für den deutschen Film, zuletzt vor allem als Komödienregisseur. Drehbuchautor Peter Viertel ging bereits 1928 in die USA, Dialogautor Carl Zuckmayer emigrierte nach der Machtergreifung Hitlers zunächst nach Österreich, dann nach dem Anschluß via Zürich und Paris schließlich in die USA, und auch Kameramann Franz Planer und Komponist Franz Waxmann flohen vor den Nazis nach Amerika. Dem Film ist deutlich anzusehen, daß er sich nicht nur als Unterhaltungsfilm an das amerikanische Publikum wenden will, sondern sich auch als exildeutscher Kommentar an die hiesigen Zuschauer richtet. Folglich findet sich der Wunsch der Filmemacher nach Authentizität der Darstellung nicht nur darin wieder, daß die deutschen Charaktere allesamt mit deutschen Darstellern besetzt wurden, sondern auch darin, daß tatsächlich an Originalschauplätzen gedreht wurde, die zerbombten süddeutschen Städte stets als drastischer Bildhintergrund präsent sind.

Nun haben sich Litvak und Viertel mit dem von Oskar Werner verkörperten Protagonisten Karl Maurer eine ausgesprochen unbequeme und atypische Hauptfigur ausgesucht. Nicht nur ist Maurer als deutscher Kriegsgefangener und alsbald Spion für das US-Militär von vorneweg kaum als Heldenfigur für ein amerikanisches Publikum prädestiniert, welches sich noch wenige Jahre zuvor mit Deuschland im Krieg befunden hat, sondern ist dieser Karl Maurer auch noch ein äußerst zaghafter Charakter, der eher denkt denn anpackt. Wenn Maurer als Spion umgeben von Feinden ist, können seine Handlungen also kaum durch verbale Mittel dem Zuschauer nachvollziehbar gemacht werden, sondern obliegt das dem Schauspiel Werners, der dabei aber selbst stets so zurückhaltend und behutsam bleiben muß, so daß seine Figur glaubhaft bleibt, und obliegt dies der Kameraarbeit Planers.

Um das vor allem amerikanische Publikum überhaupt so nahe an diese schwierige Figur herankommen zu lassen, um mit ihr mitzufühlen und mitzufiebern, bedienen sich Litvak und Viertel eines raffinierten erzählerischen Tricks, indem sie an den Anfang des Filmes einfach gleich zwei Expositionen stellen: Zunächst wird der amerikanische Offizier Dick Rennick als Protagonist eingeführt. Erst nachdem dieser etabliert ist, widmet sich die zweite Exposition dem zuvor nur kurz aufgetauchten Maurer, der sodann dem von Richard Basehart gespielten Lt. Rennick und über diesen Umweg auch dem Zuschauer nahegebracht wird. Dabei gelingt es Litvak, nicht nur trotz dieses erheblichen Umweges seinen Film von Anfang an interessant zu gestalten, sondern erzeugt später, wenn sich die Narration immer mehr der Figur Maurer widmet, eine solche Verdichtung, daß Entscheidung vor Morgengrauen auch noch heutigen Anforderungen an höchstes Spannungskino standhält, und dies ohne jemals seine politische Intelligenz zu vernachlässigen.

Die DVD-Veröffentlichung des herausragenden Kriegsthrillers ist darüber hinaus äußerst ansprechend. Zwar ist das Bonusmaterial auf der DVD selber entsprechend der Archivsituation bei dem älteren Film dünn. Allerdings ist die Restauration unter Verwendung des amerikanischen Bildmasters gelungen, eine Szene, die nur in der deutschen Fassung vorhanden war, wurde zudem zusätzlich wieder in den Film eingefügt, wobei hierfür leider nur eine schlechtere Quelle (vermutlich ein Videomaster) zur Verfügung stand. Im Begleitheft fällt ein kurzer, aber informativer Auszug aus Achim Zeilmanns Buch »Drehort München« auf, der sich mit der Produktion von Entscheidung vor Morgengrauen befaßt und insbesondere als Einführung in die politische Stimmung der Produktionszeit sehr gelungen ist. 2011-04-04 15:32

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap