— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Die Einsamkeit des Langstreckenläufers

The Loneliness of the Long Distance Runner. GB 1962. R: Tony Richardson. B: Alan Sillitoe. K: Walter Lassally. S: Antony Gibbs. M: John Addison. P: Woodfall. D: Tom Courtenay, Michael Redgrave, James Bolam, Topsy Jane, Avis Bunnage, Peter Madden, Julia Foster, Alec McCowen u.a.
99 Min. EuroVideo ab 17.2.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: keine.

Loneliness

Von Frederik König Bei der Disziplin des Langstreckenlaufs geht es um das richtige Verhältnis von Geschwindigkeit und Ausdauer. Während bei einem Sprint auf kurzer Strecke vor allem Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeit die entscheidenden Kriterien für einen Siegertypen sind, braucht ein Langstreckenläufer das Gefühl für den passenden Rhythmus im Wechsel von Metrum und Tempo seines Laufs. So gesehen sind wir auf eine bestimmte Art alle Langstreckenläufer, die mal schneller oder langsamer auf der großen Sandbahn des Lebens unsere Kreise ziehen. Manche rennen zu schnell und müssen vor dem Ziel aufgeben, weil ihnen die Kraft fehlt, andere geben von selbst auf und einige schaffen es, nacheinander die Ziellinie zu überschreiten. Egal, ob man früher aufgibt oder durchrennt, am Schluß ist es im Sport wie im Leben: Dabei sein ist alles. Und am Ende ist doch jeder allein.

Die Analogie von Lauf und Leben gab es schon in vielen Filmen: Forrest Gump (Lauf, Forrest lauf!), Lola rennt, Running Man oder Renn, wenn du kannst verbinden den Lauf eines Protagonisten auf der Metaebene mit seinem schicksalshaften filmischen Lebensweg. Auch in Die Einsamkeit des Langstreckenläufers von Tony Richardson aus dem Jahr 1962 nach einem Roman von Alan Silitoe läuft die Hauptfigur Colin Smith sein Leben lang. Mal läuft er vor der harten Realität zu Hause davon und macht sich einen schönen Tag in London. Ein anderes Mal muß er vor der Polizei flüchten, weil er die Kasse eines Bäckers heimlich ausgeräumt hat. Er wird geschnappt und kommt zum Jugendstrafvollzug in ein englisches Herrenhaus auf dem Land. Sein Lauf scheint ein Ende gefunden zu haben. In der Anstalt wird jedoch schon bald sein Talent zum Laufen entdeckt und der Anstaltsdirektor möchte ihn als sein bestes Pferd gegen die Läufer einer anderen Schule ins Rennen schicken.

Colins Smith lebenslanger Lauf ist mehr als nur Flucht: Er versucht auf seine Art gegen die autoritären Verhältnisse zu demonstrieren, die ihn unterdrücken. Der Staat, die Polizei und der Anstaltsleiter sind alles Feinde, deren Repression er durch seinen Lauf zu entgehen versucht. Wenn er nicht anders kann, spielt er das Spielchen der »Herren« mit, nur um ihnen hinterher eine Lektion zu beweisen. So muß auch der Anstaltsleiter zum Schluß des Films erkennen, daß er auf das falsche Pferd gesetzt hat…

Colin gleicht in seiner Auffassung dem Helden des ersten Films von Francois Truffaut. In Sie küssten und sie schlugen ihn (1959) geht es um einen ebenfalls freiheitsliebenden jungen Menschen, Antoine Doinel, der den Autoritäten, seinen Eltern und zuletzt auch der Jugendanstalt, davon läuft. Regisseur Tony Richardson wurde nicht ohne Grund der so genannten New British Wave zugeordnet, die zeitgleich zur französischen Nouvelle Vague entstand und mit ihrem sozialkritischen Unterton sowie der Konzentration auf Geschichten aus dem englischen Arbeitermilieu das Schaffen von Regisseuren wie Ken Loach (z.B. It's a Free World, 2007) entscheidend beeinflußte. Die Einsamkeit des Langstreckenläufers ist in seiner einfachen technischen Machart, in der Leichtigkeit seiner Erzählweise und der dauerhaft mitschwingenden Melancholie eine Ode an den kindlich-anarchistischen Rebellen in uns allen. Und egal, ob wir alleine oder gemeinsam vor dem Fernseher oder im Kino sitzen: Filme lieben wir, weil nur diese Institution es uns ermöglicht, einen einzigen kollektiven Traum gemeinsam zu träumen, Einsamkeit hin oder her. 2011-03-11 09:44

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap