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Crying Freeman – Der Sohn des Drachen

Crying Freeman. CDN/USA/F/J 1995. R,B: Christophe Gans. B: Thierry Cazals. K: Thomas Burstyn. S: Christopher Roth, David Wu. M: Patrick O’Hearn. P: Crying Freeman Production, Yuzna Films, Movie Vista Productions u.a. D: Mark Dacascos, Julie Condra, Tchéky Karyo, Rae Dawn Chong, Mako, Byron Mann, Yôko Shimada, Masaya Katô u.a.
98 Min. Kinowelt ab 3.2.11

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Trailer.

Der mit dem Schwert tanzt

Von Nils Bothmann Kazuo Koikes und Ryoichi Ikegamis Manga Crying Freeman gehört zu den kultisch verehrten Erzeugnissen japanischer Comickultur, weshalb erste Adaptionen nicht lange auf sich warten ließen, wobei jedes Einzelwerk die Geschichte des Killers, der sich in eine Mordzeugin verliebt, auf ganz eigene Weise erzählte. Die 1988 kurz nach Abschluß der Comicserie veröffentlichte, sechsteilige Animereihe Crying Freeman ist nah an der Vorlage, verkürzt sie lediglich ein wenig. Deutlich freier hingegen sind die beiden Hongkong-Adaptionen Dragon from Russia und Killer’s Romance aus dem Jahre 1990: Ersterer betont die übersinnlichen Elemente der Geschichte stärker, macht aus der Zeugin die Jugendliebe des Killers und steht mit seiner Drahtseilakrobatik in den Kampfszenen in der Tradition von Werken wie A Chinese Ghost Story und Das unbesiegbare Schwert, Killer’s Romance hingegen geht den umgekehrten Weg und streicht alle mythischen Elemente, erzählt den Plot als handelsüblichen Vertreter des Heroic Bloodshed-Films. Fünf Jahre später sollte ausgerechnet ein Westler mit Crying Freeman – Der Sohn des Drachen die beste Realverfilmung der Vorlage abliefern.

Mitte der 1990er war die oft erwähnte Krise des klassischen US-Actionkinos seit Ende der Ära Reagan fühlbar, die Genrestars waren keine Erfolgsgaranten mehr und versuchten sich entweder in anderen Feldern oder stiegen in den Bereich der Videothekenware ab. Das Mainstreamactionkino arbeitete stärker mit ironischen Brechungen und Komödienelementen, während Christophe Gans bei seiner Crying Freeman-Adaption auf eine Strategie setzte, die im asiatischen Kino Gang und Gäbe war: Den Actionfilm als poetisches Epos zu inszenieren, so wie es verschiedene Filme John Woos vorgemacht hatten. Gerade dieser Regisseur hatte 1993 mit Harte Ziele sein US-Debüt gegeben und sollte eine HK-Euphorie im westlichen Actionkino auslösen: Mitte und Ende der 1990er orientierten sich amerikanische Werke wie Desperado, The Replacement Killers und The Big Hit am Schaffen Woos und seiner Kollegen, holten Regisseure, Darsteller und Choreographen aus der (ehemaligen) Kronkolonie nach Hollywood.

Gans’ Film ist ein früher Vertreter dieser Bewegung und dem Hongkongkino ironischerweise näher als manch anderer Genrekollege, obwohl Cast und Crew kaum Mitglieder von dort rekrutieren. Für einen Actionfilm, ein Genre, das mit Rasanz, Atemlosigkeit und Hochgeschwindigkeit assoziiert wird, passiert recht wenig, Crying Freeman – Der Sohn des Drachen wirkt wie eine Entschleunigung des Genres, ähnlich wie es Spiel mir das Lied vom Tod mit dem Western durchexerzierte. Ähnlich wie bei Leones meisterlichem Epos liegt die Kraft von Gans’ Film in der Ruhe, was sich an den häufigen, aber nie zu exzessiv eingesetzten Zeitlupenszenen des Films zeigt. Behutsam erkundet der Film die Liebesgeschichte des Freeman, den ein Fluch dazu bringt, nach jedem Mord Tränen für die Opfer zu vergießen, und der todessüchtigen Zeugin, die erst in der Begegnung mit dem den Tod verkörpernden Killer wieder Lebensmut findet.

Während der Freeman in Manga und Anime seine Geliebte in den Kult der 108 Drachen integriert, so erzählt Crying Freeman – Der Sohn des Drachen den Plot in einer Abwandlung als eine Art »Romeo & Julia« über eine Liebe, die nicht akzeptiert wird, die sowohl von Polizeibehörden, der Yakuza, als auch von den Söhnen des Drachen, wie die Auftraggeber des Freeman im Film heißen, torpediert wird. Die kraftvollen Actionsequenzen, in denen der Freeman mit Schußwaffen, Schwertern und Kampfsportkenntnissen ganze Scharen von Gegnern erledigt, wirken als Bebilderung des Ausdrucks »um die Liebe kämpfen«. Wie seine Vorbilder inszeniert Christophe Gans das Martialische des Tötens in poetischen Bildern einer genreimmanenten, morbiden Schönheit, welche Crying Freeman – Der Sohn des Drachen seine besondere Stärke verleihen. Hinter diesen und anderen Visualisierungen von unheimlicher Ausdrucksstärke (z.B. jene aus dem Comic entnommene Szene, in der die Zeugin Emu das selbstgemalte Bild des Freeman Yo mit Sekt benetzt, um es weinen zu lassen) tritt der etwas sekundäre Plot zurück. Ein Kleinod des Actionkinos, das von den Fans so geschätzt wurde, daß es nach seiner Videopremiere noch einen limitierten Kinostart erhielt.

Die Neuauflage aus dem Hause Kinowelt beseitigt den größten Mangel der bisherigen DVD-Veröffentlichung von Warner: Endlich kann man Crying Freeman – Der Sohn des Drachen im Originalton ohne feste Untertitel genießen. Leider sind die wenigen japanischsprachigen Passagen bei Anwahl des O-Tons nicht automatisch untertitelt, was einen kleinen Wehrmutstropfen darstellt – man kann immerhin die Untertitel der deutschen Fassung einschalten, allerdings sind einige der japanischen Sätze mit synchronisiert worden und daher gibt es dafür dann leider keine Untertitel. Bild- und Tonqualität sind ganz ordentlich, an Extras gibt es den Originaltrailer des Films sowie Vorschauen weiterer Kinowelt-Veröffentlichungen. Keine bahnbrechende, aber die erste würdige DVD des Films hierzulande, zumindest in der ungekürzten, für Erwachsene geeigneten Fassung – parallel dazu veröffentlicht Kinowelt nämlich auch eine auf FSK 16 zurechtgestutzte und dementsprechend meidenswerte DVD-Fassung. 2011-02-25 10:30

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