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Examined Life

CDN 2008. R,B: Astra Taylor. K: John M. Tran. S: Robert Kennedy. P: Sphinx Productions.
87 Min. absolut Medien ab 5.11.10

Sp: Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Umfangreiches Booklet mit einem Interview mit der Regisseurin und Kurzporträts der Gesprächspartner.

Flucht aus dem Elfenbeinturm

Von Till Boller Für die Philosophie spielten die Orte des Denkens schon immer eine elementare Rolle. In der Antike wurde Philosophie als öffentliche Angelegenheit aufgefaßt. Auf dem Athener Marktplatz wurden im Diskurs philosophische Gedankengebäude errichtet, Argumente ausgetauscht und Debatten geführt. Auch Nietzsche fand, daß man keinem Gedanken trauen sollte, der nicht im Freien geboren wurde. Heute scheint die Philosophie jedoch im öffentlichen Raum nicht mehr zu existieren und im selbst errichteten akademischen Elfenbeinturm gefangen zu sein.

Astra Taylors Philosophiedokumentation Examined Life ist der Versuch, sich wieder ein Stück weit auf die Wurzeln der Philosophie zu besinnen und sie zurück in den öffentlichen Raum zu tragen. Dabei ist es Taylor gelungen, eine imposante Riege von Interviewpartnern für ihren Film zu gewinnen. Die Liste der teilnehmenden Denker liest sich wie das Who-is-Who zeitgenössischer Philosophie-Größen. Mit Paul Singer, Slavoj Žižek , Kwame Anthony Appiah, Judith Butler, Michael Hardt, Martha Nussbaum und Cornel West versammelt sich die derzeitige Philosophieprominenz vor ihrer Kamera.

In den einzelnen Beiträgen werden jeweils unterschiedlichste philosophische Themengebiete angerissen. Von Leben und Tod, über Individuum und Gesellschaft bis hin zum Verhältnis von Körper und Geist. Dabei steht der dozierte Inhalt der Beiträge stets im Zusammenhang mit den Orten, in denen sie vorgetragen werden. Appiah spricht auf dem Flughafen über Kosmopolitismus, Singer plädiert auf der New Yorker Fifth Avenue für Vernunft und Entwicklungshilfe und Žižek doziert auf einer Müllkippe über wahre Ökologie.

Dieser filmische Ansatz von Vorträgen im urbanen Raum lädt zum entspannten (Mit)Denken ein. Es entstehen interessante Visualisierungen philosophischer Gedankenspiele und das Vorgetragene erscheint weniger Abstrakt. Die Interviewpartner des Films sind nicht nur große Denker, sie sind auch allesamt gute Erzähler.

Mit langen Einstellungen, wenigen Schnitten und entspannter Musik ist Examined Life äußerst gemächlich erzählt. Diese formelle Gemächlichkeit ist allerdings auch nötig, um dem rasanten geistigen Parforceritt durch unterschiedlichste philosophische Teildisziplinen konzentriert folgen zu können.

Die kurz bemessene Zeit von circa 10 Minuten pro Beitrag reicht jeweils natürlich nur für einen kleinen Einblick in die angerissenen Problemfelder. Mehr kann man auch nicht verlangen und will der Film auch gar nicht bieten, dafür sind schließlich andere Medien geeigneter. Als Collage und Einblick in zeitgenössische Philosophiediskurse funktioniert der Film sehr gut. Die Umsetzung in filmische Alltagsszenarien rückt das Ganze nahe an den Betrachter und verringert den Grad der Abgehobenheit und Abstraktion. Examined Life ist ein gelungener Versuch, die Philosophie aus dem Elfenbeinturm der Hörsäle heraus zu holen.

Taylors Film zeigt exemplarisch, wie die Philosophie dazu imstande ist, Wahrnehmungs- und Vorstellungsmuster unserer räumlichen Umgebung zu durchbrechen und zu verändern. Dazu sind die persönlichen Momente mit einigen der vorgestellten Philosophen nicht nur informativ, sondern zugleich äußerst unterhaltsam. Philosophen wie Žižek und West sollte man nicht nur lesen, man sollte sie erleben. Sie sind nicht nur intellektuelle Denker und Dozenten, sondern auch großartige Performer in der Präsentation ihrer Ideen. 2011-01-12 10:19

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