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Going Postal

GB 2010. R: Jon Jones. B: Bev Doyle, Richard Kurti. K: Gavin Finney. S: Alex Mackie. M: John Lunn. P: KSM Film. D: Richard Coyle, David Suchet, Charles Dance, Claire Foy, Marnix van den Broeke, Steve Pemberton, Andrew Sachs, Tamsin Greig u.a.
185 Min. NewKSM ab 15.11.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Interviews, Deleted Scenes, Outtakes, Trailer, Bildergalerie, Booklet.

Post-traumatischer Streß

Von Nils Bothmann Nach Hogfather – Schaurige Weihnachten und The Color of Magic nahm sich der britische Fernsehsender Sky mit Going Postal zum dritten Mal eines Romans von Terry Pratchett an, um diesen als TV-Zweiteiler zu adaptieren. »To go postal« bedeutet übersetzt entweder »durchdrehen« oder »Amok laufen« – auf letztere Bedeutung bezieht sich unter anderem Uwe Bolls Postal, in Going Postal ist es eher ersteres Gefühl, welches den Protagonisten Feucht von Lipwig erfaßt.

Bei diesem handelt es sich um einen verurteilten Betrüger, der vor die Wahl gestellt wird: Tod durch den Strick oder Übernahme des maroden Postamtes von Ankh-Morpork – er entscheidet sich für letzteres, doch ist sich schon bald nicht mehr sicher, ob er wirklich das kleinere Übel gewählt hat. Pratchetts mal wieder begnadet geschriebene Vorlage war eine spritzige Satire auf Bürokratie, Telekommunikation und die Eigenheiten der Post, welche in der Fernsehfassung durchaus adäquat adaptiert wurde und humoristisch aus den Vollen schöpfen kann. Pratchetts herrlicher Dialogwitz kommt als Plus auf der Habenseite zur Geltung, steht jedoch (wie schon bei den Vorgängern) budget- und produktionsbedingten Schwächen gegenüber: Wieder erkennt man die eher beschränkten finanziellen Mittel an den Masken und Spezialeffekten, die zwar nicht wirklich schlecht sind, gegen die Kinokonkurrenz aber doch merklich den Kürzeren ziehen.

Die Besetzungscoups von The Color of Magic kann Going Postal nicht wiederholen (sieht von einem Gastauftritt Terry Pratchetts selbst ab), wobei der ebenfalls nicht ganz unbekannte Charles Dance (Last Action Hero, Alien 3) in der Rolle des Patriziers Lord Vetinari ein würdiger Ersatz für seinen Vorgänger Jeremy Irons ist. Auch der zuvor in erster Linie in Nebenrollen besetzte Richard Coyle (Prince of Persia) erweist sich als charmante Wahl in der Rolle des Feucht von Lipwig, was nur beweist, daß große Namen nicht zwangsläufig für Qualität stehen, denn Going Postal ist beinahe auf Augenhöhe mit Hogfather und kann The Color of Magic, nicht zuletzt des besseren Ausgangsmaterials wegen, übertrumpfen.

Wie schon die Vorgänger schwächelt allerdings auch Going Postal in der zweiten Hälfte, in welcher der satirische Gehalt abnimmt und man sich auf die Pfade konventioneller TV-Fantasyarbeiten begibt, auf diesem Terrain angesichts der seit Herr der Ringe bestehenden, dicker budgetierten Konkurrenz im Kino- und DVD-Bereich nur verlieren kann. Das ist schade, denn ansonsten unterhält der Mix aus Fantasy und Satire nicht nur, sondern erweist sich in manchen Szenen als wahrhaft clevere Umsetzung: Wenn Feucht die Folgen seiner früheren Gaunereien vor Augen gehalten bekommt, dann werden diese Visionen wie Stummfilme projiziert, wodurch Going Postal dem Medium Film Respekt zollt, eben nicht einfach nur ein Buch eins zu eins in anderes Medium überträgt, sondern es mit Überlegung adaptiert. Leider ist die Anzahl derartiger Einfälle zu klein, um ein Fernsehhighlight aus dem Stoff zu machen – wie schon die Vorgänger vor allem für Scheibenweltfans interessant, aber erneut hinter den Möglichkeiten zurückgeblieben. Die Freunde der Vorlage dürfen sich allerdings über eine qualitativ tadellose Veröffentlichung mit vielen Extras freuen, die den Film zwar auf zwei DVDs verteilt, doch die Aufteilung entspricht der aus dem britischen Fernsehen. 2011-01-07 10:03

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