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Frozen – Eiskalter Abgrund

Frozen. USA 2010. R,B: Adam Green. K: Will Barratt. S: Ed Marx. M: Andy Garfield. P: A Bigger Boat, ArieScope Pictures. D: Emma Bell, Shawn Ashmore, Kevin Zegers, Ed Ackerman, Rileah Vanderbilt, Kane Hodder, Adam Johnson, Chris York u.a.
94 Min. Universum ab 10.12.10

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Beating The Mountain: Surviving Frozen, Deleted Scenes.

Das Monster Skilift

Von Frederik König Der Film Frozen von Adam Green aus dem Jahre 2010 beginnt mit Nahaufnahmen der Winden und Stahltrossen eines Skilifts. Dazu hört man nur das metallische Knirschen und Zirpen des gespannten eisigen Stahls, der über die Rollen läuft. Diese Geräusche werden den Zuschauer im Laufe des Films immer wieder unheilvoll begleiten. Wie ein metallisches Monstrum wird der Skilift eingeführt, der wenig später drei amerikanischen Teenagern zum Verhängnis werden soll: Nach Betriebsschluß am Sonntagabend werden die drei Freunde als letzte im Skilift einfach vergessen. So sind sie mit der Aussicht auf fünf betriebsfreie Tage in eisiger Höhe gefangen. Schon nach wenigen Stunden bekommen die Freunde die ersten Frostbeulen und Erfrierungen, so daß sie aktiv werden müssen, um einem Schicksal als Tiefkühlkost für die Geier zu entgehen.

»Was ist die schlimmste Todesart, die ihr euch vorstellen könnt?« fragt einer der drei Protagonisten vergnügt makaber zu Beginn des Films. Die Antwort eines seiner Kumpels ist: Haien ausgeliefert zu sein. Jedoch nicht wie im Film Der weiße Hai auf einem trockenen Boot, sondern hilflos im Element des Gegners: im Wasser. Dieser Dialog verweist auf den Film Open Water, in dem einige Sporttaucher auf offener See vergessen werden und sich bald der Gefahr ausgesetzt sehen, zu ertrinken oder als Haifutter zu enden. In ihrer Mischung aus Psychogramm und Psychothriller stehen Filme wie Open Water und Frozen für ein Subgenre des Katastrophenfilms. Dieses Subgenre besitzt eine einfache Rezeptur: Eine kleine Gruppe von Menschen gerät isoliert in eine schier ausweglose Krisensituation und muß sich mit den äußeren und inneren Umständen konfliktreich auseinandersetzen, um zu überleben. Das dramaturgisch hohe Potential liegt dabei nicht in der Frage, wie und ob die Akteure ihre Situation meistern. Es besteht vielmehr darin, die Extremsituation und ihre Anforderungen an Physis und Psyche der Protagonisten zu einer Art soziologischem Experiment werden zu lassen. Unter dem steigenden Druck brechen die persönlichen Fassaden auf, und Wahrheiten treten zu Tage, die wesentlich mehr Konfliktpotential entwickeln als die eigentliche Krise. Meistens überlebt bei dieser Form des Kammerspiels nur einer bis gar keiner der Protagonisten.

Während sich klassische Katastrophenfilme Ereignisse wie Vulkanausbrüche, Erdbeben, Flugzeugabstürze oder Schiffsunglücke zum Thema machen, um kollektive Schicksale im großen Rahmen zu behandeln, findet bei diesem Subgenre alles auf der Mikroebene des privaten Raums statt. Neben dem in den beiden Open Water- Teilen durchexerzierten Szenarien im Meer gibt es Variationen mit Fahrstühlen, unterirdischen Höhlen, Bergsteigern oder Flugzeugabstürzen im eisigen Outback. Zur Krise wird meist etwas, das sich aus ganz alltäglichen Momenten heraus entwickelt. Auf diese Weise kann man sich direkt mit der Situation und ihren Opfern identifizieren. Welcher Skifahrer hing nicht schon einmal für ein paar Minuten im Sessellift fest? Wer kann behaupten, daß er noch nie in einem Aufzug festgesteckt hat? Kann sich nicht jeder gut vorstellen, was passieren würde, wenn man im Urlaub am Meer auf der Luftmatratze einschläft und drei Stunden später von Haien umkreist mitten auf dem Ozean aufwacht? Das Gemeine an solchen Filme ist, daß sie genau solche Lücken in unserer scheinbar »sicheren« Umgebung suchen und gegen uns richten, um zu verunsichern und in ihren Sog zu ziehen.

Frozen erzeugt diesen Sog und zerrt dabei arg an den Nerven seiner Zuschauer: Sprünge aus dem 15 Meter hoch hängenden Skilift enden zum Beispiel in Großaufnahmen von offenen Brüchen. Die Nervenstränge sind gespannt wie das Stahlseil des Skilifts, wenn der gestürzte Teenager bald darauf auch noch als halb gefrorener Snack für die Wölfe endet. Gott sei Dank gibt es als Ausgleich zu den Gefahren der Höhe die abgrundtief schlechten Dialoge und Charakterisierungen der Protagonisten. Diese erzeugen einen unfreiwillig komischen Effekt, wie es nur Stereotype von amerikanischen Teenagern vermögen. Damit verschenkt Frozen leider sein soziologisch-dramaturgisches Potential und bleibt ein mittelmäßig gelungenes Genrestück. Sätze wie »Snowboards sind mir einfach zu Emo« werden noch länger in meinem alltäglichen Sprachgebrauch hängen bleiben, länger zumindest als die Angst vor dem Monster Skilift. 2010-12-13 13:33

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