— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Claude Lanzmann – Gesamtausgabe

F 1973-2010. Warum Israel (1973), Shoah (1985), Tsahal (1994), Ein Lebender geht vorbei (1997), Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr (2001), Der Karski-Bericht (2010)
ca. 1.353 Min. Absolut Medien ab 17.9.10

Sp: Mehrsprachige OV. Ut: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch. Bf: Diverse. Ex: Zwei Bonusgespräche zu Warum Israel und Tsahal, 72-Seiten Booklet mit einem aktuellen Essay von Klaus Theweleit.

Darum Lanzmann

Von Jochen Werner Claude Lanzmanns neuneinhalbstündiges Dokumentarfilm-Monstrum Shoah gehört zu den Filmen, an denen zweifelsohne niemand vorbeikommt, der sich auch nur das kleinste bißchen für das Kino interessiert. Oder für die Welt. Allein mit diesem epischen Film, dessen Fertigstellung zwölf Jahre in Anspruch nahm und aus dessen Material Lanzmann anschließend noch drei kürzere, gewissermaßen apokryphe Filme montierte, schrieb sich der französische Regisseur unauslöschlich in die Filmgeschichte ein. Daß also Shoah ein unverzichtbares Hauptwerk des dokumentarischen Kinos darstellt, das ist unbezweifelbar – daß man hingegen Claude Lanzmann gar nicht unbedingt einen Gefallen tut, wenn man ihn zum Klassiker erklärt und sein Werk somit auch immer ein Stück weit musealisiert, dem Zugriff entrückt und es buchstäblich »unberührbar« macht, das kann jetzt anhand der Gesamtausgabe seiner insgesamt sechs Filme nachvollzogen werden.

Bereits seit Jahren hat sich absolut Medien um das Werk Lanzmanns verdient gemacht, und abgesehen vom erst 2010 fertiggestellten Film Der Karski-Report, der im März auf arte ausgestrahlt wurde und nun erstmals auf DVD vorliegt, entsprechen die 10 DVDs der Claude Lanzmann Gesamtausgabe den Einzelveröffentlichungen von Warum Israel (1973), Shoah (1985), Tsahal (1994), Ein Lebender geht vorbei (1997) und Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr (2001). In einem Booklet werden zudem die Begleittexte der einzelnen Editionen zusammengeführt und um einen neuen Essay von Klaus Theweleit ergänzt. Editorisch ist diese Gesamtausgabe somit tatsächlich komplett und über jeden Zweifel erhaben. Was sie freilich darüber hinaus erleichtert, das ist die strenggenommen unerläßliche Strategie, Lanzmanns Werk als einen einzigen Komplex zu betrachten, der aus einer dezidiert streitbaren, polarisierenden und ganz und gar kompromißlosen Perspektive über Geschichte spricht – stets mit der Gegenwart im Blick.

Lanzmanns Debüt Warum Israel liefert dabei einen entscheidenden Schlüssel zu dieser Perspektivierung. Die Auslassung des Fragezeichens im Titel läßt eine sehr bewußte Ambivalenz in den Film einsickern, der zu gleichen Teilen sehr entschiedenes, beinahe schon agitatorisches Plädoyer – Darum Israel – wie auch anklagende und völlig klarsichtige Analyse der sozialen wie ethischen Konflikte eines jungen Landes ist, das sich erst am Anfang eines Prozesses des ›nationbuilding‹ befindet und nicht nur unter den millionenfachen Traumatisierungen durch den Holocaust leidet, sondern vor allem auch an sich selbst. Mit sehr unterschiedlichen, aber immer utopischen Vorstellungen versuchte man, eine Nation auf der Grundlage gemeinsamer Religion aufzubauen und fand sich mit der Härte der Kultivierung des an vielen Orten noch kaum bewohnbar gemachten Wüstenlandes ebenso wie mit dem bis heute anhaltenden ständigen Kriegszustand wieder und den moralischen Konflikten, in die das (Nicht-)Verhältnis zu den Palästinensern und die Systemfragen der 1970er Jahre die in unterschiedlichsten, nicht selten auf den ersten Blick wenig kompatibel erscheinenden Kulturen sozialisierte Bevölkerung stürzte. Gleichwohl, auch das schreibt sich in die Auslassung im Titel ein, ist Lanzmanns proisraelische Haltung unerschütterlich, was in seinem wohl zwiespältigsten Film Tsahal, in dem er der israelischen Armee und ihren Panzern über fünf Stunden eine Art Denkmal setzt.

Das Eine ist in Lanzmanns Israel-Trilogie niemals ohne das Andere zu denken: Israel wurde gegründet aus der Shoah heraus, und um sich zu erhalten, muß Israel sich selbst ermächtigen, muß das jüdische Volk Gewalt ausüben, statt sie zu erleiden. Das ist selbstverständlich eine radikale Position, und Lanzmanns Werk vertritt sie mit ungebrochener Vehemenz. Lanzmanns Filme sind oft kontrovers, der Filmemacher Lanzmann als kritischer Intellektueller überaus streitbar und die Methoden, die er anwendet, um seine Protagonisten – Opfer wie Täter – zum Sprechen zu bringen, oft grenzüberschreitend. Und all dies ist keineswegs als Kritik an seinem Werk zu verstehen, sondern ganz im Gegenteil als Ausdruck von dessen Lebendigkeit und als Herausforderung an ein heutiges Publikum, sich mit ihm in all seiner Gegenwärtigkeit auseinanderzusetzen. 2010-11-17 09:48

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap