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The Harder They Come

JA 1972. R,B: Perry Henzel. B: Trevor D. Rhone. K: Peter Jassop, Frank Saint-Just, David McDonald. S: Seicland Anderson, John Victor-Smith, Richard White. M: Jimmy Cliff, Desmond Dekker, The Slickers. P: New World. D: Jimmy Cliff, Janet Bartley, Carl Bradshaw, Ras Daniel Hartman, Basil Keane, Bob Charlton, Winston Stona, Lucia White u.a.
88 Min. Arsenal Filmverleih ab 24.9.10

Sp: Englisch (DD 5.1, DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Interviews, Making Of, Musik-Videos, Trailer, Trailershow.

Der Rudeboy unter den Ghetto-Filmen

Von E.F. Kaeding Er war Jamaikas erster Spielfilm überhaupt: 1972 drehte Perry Henzell The Harder They Come (THTC). Ein Film, der in den folgenden Jahren vor allem wegen seines Reggae-Soundtracks Kultstatus erreichte. Mit Desmond Dekker, Toots & the Maytals und Jimmy Cliff vereint er einige der damals bedeutendsten Musiker Jamaikas und machte Reggae quasi über Nacht weltbekannt. Rolling Stone kürte ihn sogar zum »Rock-Film des Jahres« 1973. Was Henzells Werk aber neben seiner Musik bis heute so einzigartig macht, ist die authentische Darstellung der Lebensverhältnisse auf Jamaika. Sie macht THTC zu einem großartigen Film und faszinierenden Zeitdokument.

Die Story des Films ist schnell erzählt: Jimmy Cliff spielt Ivan Martin. Ein junger Mann, der sein Zuhause auf dem Land verläßt. Er will in der Großstadt Kingston seinen Traum von einer Sängerkarriere verwirklichen. Als er die Chance bekommt einen seiner Songs aufzunehmen, und dieser zum Hit wird, speist ihn der Produzent mit läppischen 20 Dollar ab. Auf der Suche nach dem großen Geld verkommt er zum Drogendealer. Der Film endet damit, daß er im Maschinengewährfeuer der Polizei stirbt. Jimmy Cliff, damals bereits ein international gefeierter Popstar, lehnte die Rolle ursprünglich ab; inspiriert war sie von dem jamaikanischen Banditen und Volkshelden Ivanhoe »Rhyging« Martin, der Ende der 1940er Jahre mit 24 Jahren von der Polizei erschossen wurde. Doch Henzell sah in Cliff die Idealbesetzung. Der Regisseur hatte ein Plattencover des Sängers gesehen und war fasziniert von dessen Ausdrucks-Bandbreite: Vorne auf dem Cover war eine Frontal- und hinten eine Profilaufnahme. Das eine Photo zeigte Cliff als gutaussehenden und abenteuerlustigen Jugendlichen. Auf dem anderen Photo dagegen sah Cliff aus wie ein »Sufferah«, ein Leidender aus den Slums. Und beide, der junge Träumer und der Leidende prägten das Bild Kingston Anfang der 1970er Jahre.

Nach der Unabhängigkeit Jamaikas von Großbritannien 1962 trieb es viele Jugendliche vom Land in die Stadt in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Für den Großteil soll sich diese Hoffnung nie erfüllen. THTC fängt die Ernüchterung ein, mit der die Bevölkerung Kingstons elf Jahre später zu kämpfen hat. Beinharte Aufnahmen von den Armutsvierteln West-Kingstons und den Ganja/Marihuana-Hinterhöfen, in denen die Menschen ihren Traum für einen kurzen Moment weiterleben; von den mit Abfall verdreckten Straßen, den Müllbergen, in denen Kinder nach essbarem wühlen. Aufnahmen von einem Land, das gelähmt ist durch Drogenbanden und korrupte Beamte. »Man kann die Wegwerfe auf der Straße riechen und fühlt die stechende Hitze der Sonne«, schreibt der Musikjournalist Lloyd Bradly über THTC. Seine Motivation THTC zu drehen, erklärte Henzell wie folgt: »Ich hatte eine Wahl, als ich begann den Film zu planen – einen Film für Jamaika, oder einen Film für den Rest der Welt zu machen. Ich entschied mich, einen Film für Jamaika zu drehen.« Keine Kompromisse, nicht beim Dialog, der manchmal etwas holprig wirkt, und auch nicht beim Patois, dem für den ungeübten Zuschauer schwer zu verstehenden jamaikanischen Dialekt. Das kompromißlose Arbeitsethos des Regisseurs hatte allerdings seinen Preis: Perry Henzell sollte nie wieder genug Geld für einen weiteren Spielfilm zusammen bekommen.

Der Erfolg des Films in seiner Heimat gab Henzell jedoch Recht. Zur Premiere in Kingston stürmten die Menschen das Kino, begeistert von der realitätstreuen Darstellung ihrer Lebensverhältnisse. Die in London lebenden Jamaikaner dagegen erwärmten sich nur langsam für THTC. Sie empfanden, der Film zeige ihr Heimatland in einem schlechten Licht. Keine weißen Sandstrände und kühlen Hotellobbys, von denen man ein paar Jahre zuvor in James Bonds Dr. No (1962) träumen durfte. Kein Calypso, kein Karibikflair, stattdessen verstörende Bilder und Reggaemusik. Lieder der Enteigneten und Entrechteten, die dem Zuschauer dazu noch entscheidende Hintergrundinformationen lieferten: »I'd rather be a free man in my grave / than living as a puppet or a slave / so as sure as the sun will shine / I'm gonna get my share of what's mine,« singt Ivan im Titelsong. Es ist die Hymne einer verlorenen Generation.


Verglichen mit dem Oscarnominierten City of God (2002), der über Armut und Kriminalität in den brasilianischen Favelas erzählt, ist The Harder They Come der rohe, unverputzte große Bruder. Zuweilen fallen manche Szenen nicht ganz flüssig ins Schloss und knallrotes Kunstblut erinnert daran, daß der Film eine Low-Budget-Produktion ist. Der ungeschminkte Realismus der Bilder aber hält einen auf Tage gefangen. Und so hat Henzells einziges Werk auch nach fast vier Jahrzehnten nichts von seiner Intensität, seinem Anspruch und seiner Allgemeingültigkeit verloren. The Harder They Come ist der unangefochtene »Rudeboy« unter den Ghetto-Filmen. Und der Reggae-Soundtrack zaubert einem noch heute ein Lächeln ins Gesicht. Solange man nicht so genau auf die Texte achtet. 2010-11-08 14:02

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