— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Tatort Box: Solo-Auftritte

Tatort: Alles umsonst (D 1979), Tatort: So ein Tag… (1982), Tatort: Wunschlos tot (AT 1987).
261 Min. Walt Disney ab 22.7.10

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1. Ex: Interviews, Outtakes, Drehbericht u.a.

Rein kommissarisch

Von Carsten Tritt Wenn Fernsehfilme mit unterschiedlichen Darstellern, Figuren, Handlungsorten und von verschiedenen Produzenten und Sendeanstalten unter dem Label »Tatort« zusammengefaßt werden, handelt es sich eigentlich weniger um eine eigene Serie, denn um eine Sammlung von eigenständigen Serien und Filmen unter einem gemeinsamen Sendeplatz und Merchandising-Konzept. Insofern ist diese Tatort-Veröffentlichung vielleicht sogar die konsequenteste: Drei Ermittler, drei verschiedene Städte in zwei Ländern – drei Filme, die absolut nichts miteinander zu tun haben, zusammengefaßt in einer DVD-Box.

Zugegeben: Eine Gemeinsamkeit gibt es, nämlich, daß in jedem der Kriminalfilme ein Darsteller als Polizist auftritt, dessen Popularität allein das Interesse an dem jeweiligen Werk zu erwecken verhofft. Darsteller Nr. 1 ist Diether Krebs als Kommissar Nagel, wobei es aber erst mal seine Zeit dauert, bis die von Horst Michael Neutze und Monica Bleibtreu gespielten weiteren Charaktere für die notwendige, sein Auftreten bedingende Leiche gesorgt haben. Um die Frage, wer hier der Mörder ist, macht das Drehbuch wenig Aufsehen, und insgesamt ist die Geschichte auch ausgesprochen innovationsfrei gehalten, ein Umstand, den abzuhelfen sich auch Regisseur Hartmund Griesmayr wenig Mühe macht. Es passiert wenig, und das wenige, was passiert, passiert zudem ausgesprochen langsam, so daß selbst ein Oberinspektor Derrick den Mordfall, der hier einen anderthalbstündigen Film tragen soll, in einer Stunde gleich doppelt hätte lösen können. Hinzu kommt die nichtvorhandene Figurenentwicklung: Die paar Sätze, die Nagel spricht, sind dergestalt austauschbar, daß es keinen Unterschied machen würde, ob sie Diether Krebs, Horst Tappert oder Verona Feldbusch aufsagen würde. Der einzig originelle Beitrag bleibt somit dem DVD-Vertrieb vorbehalten, der auf der Verpackung angibt, »Alles umsonst« spiele in Braunschweig, obwohl die gezeigten Fahrzeuge burgdorfer und hannoveraner Kennzeichen führen; egal, ist ja alles irgendwie Niedersachsen. Und Diether Krebs' Auftritt bleibt verschenkt, was umso bedauerlicher ist, als er in seinen ernsten Rollen eigentlich immer deutlich überzeugender war als in den Sketch-Auftritten, für die er im wesentlichen im Gedächtnis geblieben ist.

Die Wahl des zweiten sogenannten Solo-Auftritts »Wunschlos tot« erstaunt, schließlich hat der von Bruno Dallansky gespielte Oberinspektor Pfeifer noch ein halbes Dutzend weiterer Fälle aufzuweisen, wenn auch die meisten nie in der ARD ausgestrahlt wurden, sondern ausschließlich im ORF und allenfalls noch in den Wiederholungsschienen des Bayrischen Rundfunks und von 3sat. Ein genauerer Blick auf die DVD verrät jedoch, daß die Einordnung als Solo-Auftritt nicht Dallinsky, sondern Christoph Waltz gewidmet ist, der hier einen Gastauftritt als junger idealistischer Polizist hat, welcher sich am Ende der Folge entschließt, seine Polizeikarriere aufzugeben und doch lieber Herrenausstatter zu werden. Zwar ist Christoph Waltz' Inspektor Passini mitnichten der Leiter der Ermittlungen, sondern hat eher den Rang eines Harry Klein (bzw. eigentlich sogar des Assistenten von Harry Klein), allerdings hat er als solcher zumindest noch einen längeren Anteil an Filmminuten als Diether Krebs in seinem oben erwähnten Fall; Waltz' darstellerische Leistung ist dabei leider eher durchwachsen. Hauptproblem der durchaus ambitionierten ORF-Produktion ist jedoch, daß Autor und Regisseur Kurt Junek deutlich zuviel Handlung und zu viele Wendungen in die 90 Minuten zu packen gesucht hat, so daß die Erzählstruktur sprunghaft und unausgegoren wirkt.

Auch die Einordnung von »So ein Tag…« als Solo-Auftritt dürfte durchaus angreifbar sein. Zwar deutet der Beginn der Episode, in der der von Klaus Löwitsch gespielte Polizist Rolfs ins Leichenschauhaus eingeliefert wird, alles andere als eine lange Karriere als Tatort-Kommissar an. Allerdings kam »So ein Tag…« dann doch so gut an, daß Klaus Löwitsch knapp drei Jahre später im Tatort »Acht, neun – aus!« in faktisch derselben Rolle noch mal ran durfte – wobei seine Figur wegen des eingangs erwähnten kleinen Todesfalles von »Polizeihauptmeister Rolfs« in »Polizeihauptmeister Dietze« umbenannt worden war.

Weil »So ein Tag…« von Jürgen Roland inszeniert wurde, handelt es sich dabei natürlich nicht um einen normalen Tatort; es geht nicht um Mord, sondern um Einbruch und Zuhälterei, Rolfs ist auch nicht bei der Kripo, sondern Schutzpolizist, und auch sonst schließt Roland eher bei seinen St. Pauli-Filmen aus den 1960ern an, jetzt also verlegt ins Frankfurter Rotlichtviertel. Sogar seine alten Recken Günther Ungeheuer und Werner Pochath hat Roland in tragenden Rollen untergebracht. Und »So ein Tag…« zeigt endlich wieder einen Jürgen Roland in freiem Lauf, eine großartige Millieugeschichte mit greifbaren und nachhaltigen Charakteren, zudem eine von Klaus Löwitsch zugreifend verkörperte Hauptfigur, die sich ebensowenig um Konventionen schert wie sich Roland um das klassische Tatort-Konzept geschert hat – und alles verbunden natürlich mit einem höchst ungerechten Ende. Rolfs ist tot – allerdings ist er auf seinem Höhepunkt abgetreten, im Gegensatz zu den meisten seiner aktuellen Tatort-Kollegen, die nicht einmal wissen, was ein Höhepunkt ist. 2010-10-08 10:12

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap