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Die Eleganz der Madame Michel

Le Hérisson. F 2009. R,B: Mona Achache. K: Patrick Blossier. S: Julia Gregory. M: Gabriel Yared. P: Les Films des Tournelles, Eagle Pictures, France 2 Cinéma, Pathé u.a. D: Josiane Balasko, Garance Le Guillermic, Togo Igawa, Anne Brochet, Ariane Ascaride, Wladimir Yordanoff, Sarah Lepicard, Jean-Luc Porraz u.a.
96 Min. Senator ab 1.10.10

Sp: Deutsch, Französisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Making Of, Deleted Scenes.

Die fabelhafte Welt der Paloma

Von David J. Lensing Selbstmord bei Kindern ist eine seltene Sache. Wenn es passiert, sind die Gründe schnell gefunden: Entwicklungsstörungen, Versagensängste und Überforderung. So die gängigsten Motive. Daß eine 11Jährige beschließt, sich das Leben zu nehmen, um nicht reich und wohlhabend zu enden, ist wohl ein Unikum – und die Ausgangssituation des Films Die Eleganz der Madame Michel von Mona Achache. Das hochintelligente Mädchen Paloma (Garance Le Guillermic) stammt aus der französischen Upper Class und sieht in ihrer Familie nichts weiter als einen Haufen neurotischer Goldfische, gefangen im Glas des Großbürgertums. Eine aussichtslose Situation, die nur mit medikamentöser Unterstützung ertragen wird: Psychopharmaka, Antidepressiva und Champagner. Um diesem Schicksal zu entgehen, setzt sich Paloma als Deadline für ihre Flucht über den Jordan ihren 12. Geburtstag. Von den 165 Tagen bis zum Ablauf dieser Frist erzählt Achaches Literaturverfilmung, die bereits auf dem Cairo International Film Festival 2009 als Anwärter auf die Goldene Pyramide zu sehen war.

Die Auszeichnung ging letztendlich an den finnischen Beitrag Letters to Father Jacob von Klaus Härö. Vielleicht, weil der Bedarf an französischem Wohlfühlkino gesättigt ist. Für einen unerwarteten Kassenschlager wie Dany Boons Willkommen bei den Sch'tis hat es auch nicht gereicht, da Achache eine zu überschaubare Zielgruppe anspricht: Die mehr oder weniger intellektuellen Liebhaber kleiner Gesten und großer Literatur. Eben diesen stößt Die Eleganz der Madame Michel mit seinem größten Manko aber auch vor den Kopf. Unbeschwert eingeflochtene Zitate und Anspielungen zumeist literarischer Natur werden im Nachhinein plump unterstrichen, damit jeder Zuschauer sie wahrnimmt.

Am gleichen Symptom leidet stellenweise das Drehbuch, wenn sich im zweiten Akt der Fokus von Paloma auf die Concierge des Hauses verschiebt, die titelgebende Madame Michel, oder in Frankreich »Le Hérisson«, der Igel. Nach außen hin gibt sich Madame Michel ruppig, einfältig und unnahbar, doch hinter dieser Fassade verbirgt sich eine sehr belesene, sensible Persönlichkeit. Hinweise darauf finden sich offensichtlich im Dekor (das Hinterzimmer in der kleinen Wohnung der Concierge steht bis unter die Decke mit Büchern voll), vielmehr aber im präzisen Schauspiel von Josiane Balasko. Da bedarf es keiner Dialoge – und davon gibt es zu viele –, in denen Madame Michel platt ihr Wesen erklärt. Im Roman oder Theater gern, aber die Kunstform Film lebt davon, seine Geschichte in Bildern zu erzählen. Das soll nicht heißen, das von Achache selbst verfaßte Drehbuch sei schlecht. Um es in den Worten des Protagonisten Kakuro Ozu zu sagen: »Es ist möglich, zwei Eigenschaften gleichzeitig zu besitzen.« So ist das Drehbuch zwar arg selbsterklärend, aber dennoch voller schöner Momente und Witz. Die Figuren sind – anders als in Jean-Pierre Jeunets jüngstem Narren-Kabinett Micmacs – Uns gehört Paris! – trotz ihrer Schrulligkeit geerdet und bieten Identifikationspotential.

Neben Paloma und Madame Michel spielt besagter Ozu (Togo Igawa), ein beinahe klischeehaft stoischer Japaner, der nichts mit seinem Namensvetter, der Regieikone Yasujirō Ozu, zu tun hat, eine wichtige Rolle: Sein Einzug in das Apartmenthaus gibt den Anstoß für bemerkenswerte Entwicklungen im Leben des suizidalen Mädchens und des Igels. Stilistisch hat sich Achache eines geschickten Handgriffs bedient: Während Paloma in der Romanvorlage ihre Gedanken niederschreibt, führt sie im Film ein Videotagebuch über die Gründe für ihre absolut rationalen Selbstmordpläne. Der häufige Perspektivenwechsel in die grobkörnige Subjektive Palomas, die mit einer alten Hi8-Kamera ihre Beobachtungen auf Magnetband festhält, erlaubt der Regisseurin eine wunderbar genutzte Spielwiese, um die Charakterisierung des Mädchens, anders als bei Madame Michel, überwiegend visuell zu vermitteln. Und damit ist die große Stärke eines Films gesichert, der von seiner talentierten Hauptdarstellerin Garance Le Guillermic getragen wird. Man kann sich daran stören, daß der Film trivial ist und mit einigen Klischees jongliert – oder man lehnt sich zurück und genießt ein ideenreiches, schön fotographiertes Regie-Debüt, das gar nicht mehr sein will, als es ist: Ein unterhaltsames Kleinod mit der einen oder anderen Lebensweisheit. 2010-10-01 09:51

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