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Vengeance

Fuk sau. F/HK 2009. R: Johnnie To. B: Ka-Fai Wai. K: Siu-keung Cheng, Hung Mo To. S: David M. Richardson. M: Tayu Lo. P: ARP Sélection, Media Asia Films, Milky Way Image Company. D: Johnny Hallyday, Sylvie Testud, Anthony Wong Chau-Sang, Ka Tung Lam, Suet Lam, Simon Yam, Siu-Fai Cheung, Felix Wong u.a.
103 Min. Koch Media ab 27.8.10

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 5.1), Englisch, Cantonesisch, Französisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Originaltrailer, Making of.

Der Held von Hongkong

Von Daniel Bickermann Er wird langsam ein alter Bekannter auf dem deutschen DVD-Markt, auch wenn er viel Größeres verdient hätte: Johnnie To, der fleißigste Regisseur Hongkongs, der gerne mal drei oder vier Filme pro Jahr produziert und mindestens zwei der distinkten Filmstile dieser faszinierenden Inselstadt inmitten des chinesischen Einheitsbreis miterfunden hat – und der noch immer in Saft und Kraft steht. Seine Filme finden seit jeher entweder nur sehr limitierte Kinoauswertungen (wie seinerzeit sein großes Meisterwerk Running Out of Time oder kürzlich seine wunderbar spritzige Gauner- und Taschenspielerkomödie Sparrow) oder kommen hierzulande gar nur direkt auf Video heraus (wie sein eindrückliches und im Ausland hochgepriesenes, shakespeareskes Gangster-Epos Election). Nun, der DVD-Markt muß auch seine schimmernden Perlen haben, und der »direct-to-DVD«-Gemeinde sei dieses neue Meisterwerk des Altmeisters von ganzem Herzen gegönnt – hier ist Johnnie To ja auch längst ein alter Bekannter.

Sein neues Werk Vengeance, das in Frankreich in Cannes lief und in Deutschland auf dem Oldenburger Filmfest, das seit Jahren Geheimtips wie diesen ins Land holt, ist mit jedem Atemzug ein großer, wuchtiger Wurf. To hat Sylvie Testud und vor allem den großen Johnny Hallyday nach China geholt und gruppiert seinen geradlinigen, bildschönen Film um vier zentrale und brillant inszenierte Schießereien herum (das sind vier mehr als im normalen Hollywood-Actionfilm dieser Tage): Die Eröffnungsszene ist ein rabiater, traumatisierender und in keiner Weise angekündigter Ausbruch der Gewalt in einem freundlichen Familienheim, der den Figuren wie auch dem Zuschauer sehr schnell klarmacht, daß es hier ernsthaft zur Sache gehen wird und man auch Frauen und Kinder nicht verschont, wenn die abgesägten Schrotflinten rausgeholt werden. In jedem Hollywood-Blockbuster hätte man dieser Szene mehrere Absätze gewidmet, ihre elegante und doch grausige Mischung aus Schockschnitten und Zeitlupen analysiert, aber ein alter Hase wie To filmt eine solche Szene zum Aufwärmen.

Hallyday ist nicht der beste Schauspieler, aber eine Vorlage wie diesen alten, reichen, traurigen, von Gedächtnislücken gequälten Rächer, der nach Hongkong kommt und das erstbeste Killerkommando anheuert, auf daß sie Rache für seine Familie nehmen, die kann selbst er nicht in den Sand setzen. Im Gegenteil gibt sein manchmal leicht verwirrtes Stolpern dem Charakter eine Tiefe und Traurigkeit, die man in einem solch geradlinigen Actioner gar nicht gewohnt ist.

Die zweite Schießerei beginnt als Mexican Standoff auf einem Waldgrillplatz, wo sich zwei Killerkommandos mit Familien treffen. Es gehört zum Ehrenkodex, den Familien nichts zu verraten und deswegen erstmal gemeinsam eine Grillparty zu feiern – die Knarren erst dann wieder rausgeholt, wenn die Kombis mit den Kindern außer Sichtweite sind. Dann aber verirrt man sich in die nebelbehangenen Wälder, wo die Schießerei dank schwereloser Kamera und ständigen Positionswechseln eine eher ätherisch-schwebende Atmosphäre bekommt.

Spätestens hier übernimmt das Hongkonger Ensemble, fast alles langjährige To-Veteranen wie Ka Tung Lam und Simon Yam, und fährt mit dem Film Schlitten. Als sie herausfinden, daß die Familie des Fremden von ihrem eigenen Großboß exekutiert wurde, gibt es, gelinde gesagt, einen Interessenskonflikt. Vermeintlich wäre alles einfach: Der französische Alte hat inzwischen so große Lücken, daß er sich kaum noch daran erinnern kann, wer Feind und Freund ist – es wäre ein Leichtes, ihn zu beseitigen und beim eigenen Boß Fleißpunkte zu sammeln. Doch dies wäre kein Hongkong-Klassiker, wenn die kleine Schar nicht allein fürs Prinzip auf eine Selbstmordmission gegen den eigenen Auftraggeber und die eigenen Kameraden gehen würde – ein angenommener Auftrag ist ein angenommener Auftrag, Rache ist Rache, und wenn man dabei stirbt, und am Tod der Männer besteht wenig Zweifel, dann behält man immerhin seine Ehre. Es sind diese radikal-moralischen Plotwendungen, von denen der oft zynische und allzu simple westliche Rachefilm noch so viel lernen kann.

Die dritte große Schießerei ist eine Vergeltungsschlacht auf dem Schrottplatz, wo der Freundeskreis aus ehrbaren Killern ein letztes Gefecht gegen eine Übermacht mit automatischen Waffen austrägt, indem sie aus gepreßten Schrottwürfeln eine Wagenburg bauen und diese anschließend als mobile Schutzschilde vor sich herrollen. Das Ergebnis ist eine grandiose Mischung aus Kurosawa-Schlachtenepos und Peckinpah-Kugelhagel und läßt garantiert kein Auge trocken. Und selbst dann, wenn man Johnnie To längst wieder zu Füßen liegt, wenn man dieses neue Werk auf eine Stufe mit seinen bisherigen Großtaten stellen will, wenn man schon beginnt, die Lobeshymnen auf einen Regisseur zu schreiben, der in einem Film mehr innovative Actionszenen zustandebringt als andere in ihrem ganzen Leben, selbst dann hat To noch ein As im Ärmel: Für den finale Standoff zwischen dem übermächtigen Gangsterboß und dem inzwischen völlig erinnerungslosen Rächer aus Frankreich arbeitet To mit dutzenden lustigen Aufklebern, die den Todgeweihten markieren sollen und inszeniert einen eleganten Schicksalstanz zwischen Täuschung und Entdeckung.

Das Spiel mit Amnesie und Rächertum, daß Christopher Nolan in Memento zu seinem stilistischen Höhepunkt getrieben hat, geht To wesentlich pragmatischer und vor allem nicht so prätentiös an. Bei ihm ist Hallyday auch deswegen der perfekte Rächer, weil er sich nach getaner Arbeit weder an seinen schrecklichen Verlust, noch an seine Schandtaten der Selbstjustiz erinnern kann. Und das Opfer seiner Hongkonger Gefährten wird um so bedeutungsvoller, als daß ihre ehrbaren Taten buchstäblich für immer vergessen sein werden. Ist dies nun ein tröstlicherer Ausblick oder ein noch dunklerer? In jedem Fall ein meisterlicher. Wer schon immer wissen wollte, was es eigentlich mit all dem Gerede ums Hongkongkino auf sich hat, ist bei Johnnie To an der richtigen Adresse. Und wer endlich mal (wieder) einen Johnnie To-Film sehen will, der kann bei Vengeance nicht danebenliegen. 2010-09-03 12:18

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