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Hitze und Staub

Heat and Dust. GB 1983. R: James Ivory. B: Ruth Prawer Jhabvala. K: Walter Lassally. S: Humphrey Dixon. M: Richard Robbins. P: Merchant Ivory Productions. D: Christopher Cazenove, Greta Scacchi, Julian Glover, Susan Fleetwood, Patrick Godfrey, Jennifer Kendal, Shashi Kapoor, Madhur Jaffrey u.a.
130 Min. Kinowelt ab 15.7.10

Sp: Deutsch (DD 1.0), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Audiokommentar, Featurette, Kurzfilm »Queen of the Nautch Girls«, Trailer.

Die Rache der Enterbten

Von Martin Thomson Auf der Leinwand nippten blassgesichtige Ladys ihren Tee aus teurer Keramik und höflich-kultivierte British Men fanden sich zum Cognac im Clubraum ihres herrschaftlichen Anwesens zusammen, während in der sozialen Wirklichkeit die Politik von Margaret Thatcher die Unterschicht an den Rand der Gesellschaft drängte. Die Geburtsstunde des modernen Heritage-Films in den 1980er Jahren ließ einen über die Zelebration des gehobenen Lebensstandards der englischen Oberschicht im viktorianischen und edwardianischen Zeitalter die grassierende Massenarbeitslosigkeit vergessen. Darüber hinaus war sie aber auch ein Reflex auf den erlittenen Machtverlust des einstigen Empires durch den Abschluß der Dekolonisation. Geschichte zu bemühen, so beschwerte sich damals Salman Rushdie, heißt für den Heritage-Film den angeschlagenen Patriotismus der Briten durch Rückbesinnung auf ihr nationales Erbe wieder gerade zu rücken, dabei aber eine nationale Identität wieder zu erwecken und zu feiern, die auf einer fragwürdigen Imperial- und Klassenideologie beruhte.

Der indisch-britische Schriftsteller führte vor allem Hitze und Staub als belastendes Indiz für seine These an. Tatsächlich versetzten aber doch gerade Regisseur James Ivory, Produzent Ismail Merchant und Drehbuchautorin Ruth Prawer Jhabvala ihre Figuren immer in jene eleganten Umgebungen, um sie an der strengen Etikette der britischen Upper Class zerbrechen zu lassen. Beginnt fast jede Szene in einem Heritage-Film von ihnen damit, das in einem establishing shot das prachtvolle Anwesen für den Status der Figuren bürgt und dienen die Totalen auf Gesprächssituationen nur dem Zweck, möglichst viele ihrer Besitztümer in den Kader zu kriegen, so verstörend ist der Eindruck, den hier der seltene Anblick einer Großaufnahme verschafft. All das umliegende teure Gerümpel, dem die Kamera zuvor so viel Platz anberaumt hat, staucht dann das Gesicht. Das öffentliche Leben zieht sich zur ausdruckslosen Miene der Privatperson zusammen oder läßt kurz den Anflug einer Emotion darüber huschen. Ohne Raum hat sie keine koloniale Macht. Ohne Besitz verliert sie ihre Klassenzugehörigkeit. Schon die kleinste Gefühlsregung kann dieses empfindliche Gleichgewicht aus dem Takt bringen.

Immer geht es in den Filmen von Merchant/Ivory/Jhabvala um ein System von Ansehen und Ächtung, Ritual und Verführung. Wie treu kann einer den sittlichen Vorgaben einer Kultur bleiben, in der seine Leidenschaften unterdrückt werden? Spätestens in den 1990er Jahren hatte das Erfolgstrio durch Meisterwerke wie Wiedersehen in Howards End und Was vom Tage übrig blieb den unterkühlten Stil ihrer Sittengemälde zur Perfektion getrieben. Nur auf den ersten Blick ließ sich hier in prachtvollen Kulissen und Kostümen schwelgen. Wer die Oberfläche ernst genug nahm, konnte anhand pedantischer Tischmanieren und distinguierter Gesprächsführung exakte Sozialstudien bürgerlicher Verhaltensmuster beobachten, um dahinter die Korrespondenzen zwischen Repräsentation und Unterdrückungsmechanismen zu begreifen. Gleichermaßen pedantisch erschienen auch immer die Bemühungen von Ivory, diese Welt bis ins kleinste Detail zu rekonstruieren. Nicht jedoch um sie, wie Rushdie unterstellt, feierlich wiederaufleben zu lassen, sondern um ihren Funktionsweisen, aus denen die Hauptfiguren als geächtete Außenseiter oder gescheiterte Opportunisten hervorgingen, auch formal zu gehorchen.

Zweifelsohne haben Merchant, Ivory und Jhabvala einen langen Anlauf gebraucht, damit auch ihre Filme die angepaßte Miene ihrer Figuren wahren. Hitze und Staub, der zu Beginn der 1980er Jahre entstand, ist noch anzumerken, daß, um die Handlung voran zu treiben, unterdrückte Gefühle lieber gleich zum Ausbruch gebracht werden, statt sie in einer geruhsamen, aber stetig ansteigenden Intensität diesen Kulminationspunkt erreichen zu lassen. Darunter leidet vor allem die Qualität der Figurenzeichnung. Ihre Handlungen erscheinen durch die fehlende Konzentration nur dramatisch, nicht aber psychologisch gerechtfertigt. Es sind nicht die Gegenstände, die hier die Bilder überfrachten, sondern die viel zu vielen Erzählstränge, die die Geschichte als Ganzes unnötig überstrapazieren.

Gleich drei Erzählungen auf zwei historischen Zeitebenen und zwei Kontinenten, die ineinander greifen, werden hier aufgefahren. Da gibt es das Gespräch zwischen der Nachfahrin(Anne) der Großtante und einem noch lebenden Freund von ihr, die Geschichte der Nachfahrin selbst, die sich schließlich in den inzwischen unabhängigen südasiatischen Staat aufmacht, um auf ihren Spuren zu wandeln und eben jene Heritage-Episode, die in den 1920er Jahren, zu Zeiten des britischen Weltreichs, spielt und den Indien-Aufenthalt von Olivia und ihrem Gatten, einem britischen Offizier, nachzeichnet. Daß sich gerade mit der Heritage-Episode ein Milieu vorgenommen wurde, das aufgrund der spärlichen emotionalen Spannbreite seiner Mitglieder danach verlangt hätte, keine Ablenkung zuzulassen, läßt den Film schnell an seinem dramaturgischen Kraftakt scheitern.

Die Nebenhandlung, die aus der Sichtweise der Backpacker-Touristin Anne erzählt wird, federt die rigide Strenge der Vergangenheit durch einen weltoffenen New-Age-Zeitgeist ab. Die uneinheitliche Melange aus exotisierender Schönfärberei des Orients und der Verurteilung der westlichen Mentalität als puritanischem Materialismus läßt den Film schnell in die selbst gelegte ideologische Falle tappen. Der verständnisvolle, leicht feminine britische Ehemann will nicht so recht ins Bild vom gemeinen Patriarchen passen und seine naiv-gelangweilte Frau ist auch nicht die Selbstbefreiungs-Heroine, als die sie Anne wahrnimmt. Die Möglichkeit, die ihr die Großtante bereitet, kommt eigentlich nur zustande, weil sie sich auf einen assimilierten indischen Newab einläßt, der mehr noch als die fehlende Männlichkeit und Zeugungsfähigkeit, auch die fehlende Kolonial- und Machtmentalität des zweifelnden Gatten ersetzt.

Der Film läßt einen mit solch fragwürdigen Fehlschlüssen allein oder stellt sie durch die Gegenwartshandlung als romantisch und legitim hin. Der moderne, weltoffene Zeitgeist, der in der Backpacker-Episode dargeboten wird, dient dem moralischen Vergehen von Olivia (Ehebruch) somit als Sicherheitsnetz um die Unterdrückung alter Tage als überwunden auszustellen. Indien wird im Grunde weiterhin vom Westeuropäer erobert. Die alten Kolonien dienen ihm weniger als Raum seiner materiellen als seiner spirituellen Inbesitznahme. Wenn man ganz böse wäre, ließe sich angesichts von Hitze und Staub gar von einer sexuellen Okkupation sprechen, die von Generation zu Generation weitergereicht wird (auch Anne kommt schließlich mit einem Inder zusammen).

Bleibt festzustellen, daß Salman Rushdie mit seiner Theorie vielleicht doch nicht so daneben lag, wie es einem angesichts späterer Heritage-Filme von James Ivory, Ismail Merchant und Ruth Prawer Jhabvala erscheint. Vielleicht ist das Trio aber auch erst an das Ziel seiner Reise gelangt, als sie mit ihren Figuren blieben, wo sie herkommen. Dort also, wo sie mit ihnen gemächlich über sattgrüne südenglische Wiesen spazieren konnten statt mit ihnen durch den Wüstensand ihrer Kolonien zu stapfen. 2010-07-27 10:06

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