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Postcard to Daddy

D 2009. R,B,K,S,M: Michael Stock. K: Guido Diek. S: Martin Kayser-Landwehr, Till Koistinen, Robert Quante. M: Josef Tieks. P: Michael Stück Filmproduktion, Oculus Film.
86 Min. Salzgeber ab 20.7.10

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: Englisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: keine.

Der Teufel im Detail

Von Matthias Wannhoff Was gibt es zu sagen über einen Film, dessen größte Tragik darin besteht, daß er überhaupt soweit kam, gedreht zu werden? Oder besser: gedreht werden zu müssen. So wie auch der Schmerz, den sexueller Mißbrauch seinen Opfern zufügt, von diesen artikuliert werden muß, würden die Worte nicht allzu oft dem Gewicht von Angst, Scham oder gefühlter Schuld erliegen. Häufig werden jene Greueltaten, wenn überhaupt, erst nach Jahrzehnten zur Sprache gebracht. Die zu trauriger Berühmtheit gelangte Odenwaldschule veranstaltete dazu Anfang Juli ein sogenanntes »Wahrheitsforum«, der Regisseur Michael Stock hat seine eigene Mißbrauchsgeschichte zum Thema eines Films gemacht.

Beiden Projekten – Symposium hier, Postcard to Daddy dort – ist außer ihren tragischen Beweggründen nicht viel gemein; ihr Schnittpunkt liegt gleichwohl dort, wo erlittener Schmerz zu Sprache wird und umgekehrt. »Wie ein Berserker« habe ihn der frühere Schulleiter Gerold Becker eines Morgens oral mißbraucht, erinnerte sich ein Ex-Schüler während der kollektiven Wahrheitssuche im Odenwald, »ich dachte, er beißt mir den Schwanz ab.« Es sind Detailschilderungen wie diese, durch die sexueller Mißbrauch auf einmal erschreckend konkret wird, konkreter zumindest als die scheinbar erklärenden Inbezugsetzungen mit den systemischen Defekten von Kirche oder Reformpädagogik.

Darum ist Postcard to Daddy auch nicht der Film zur Stunde. Michael Stock, Jahrgang 1968 und »Schüler« Rosa von Praunheims, erzählt vom Mißbrauch durch den eigenen Vater, der acht Jahre lang in perfider Regelmäßigkeit zur Tat schritt, wenn er mit seinem jüngsten Sohn allein im Haus war. Nun, ein Vierteljahrhundert später, versteckt sich das Opfer nicht etwa im virtuellen Raum des Off-Kommentars, sondern richtet den Blick immer wieder frontal in die Kamera, die so zum Brennglas des Traumas wird. Als sprachliche Strategie wählt Stock die Flucht nach vorne: Daß es nicht bei befremdlichen Fummeleien blieb, sondern bald in Penetration durch den Vater überging, enthält er dem Betrachter ebenso wenig vor wie die seelischen und gesundheitlichen Narben, die sich durch die Übergriffe bei ihm eingebrannt haben. So trat, als Stock bereits von zu Hause ausgezogen war, neben seine Drogensucht und mehrere Selbstmordversuche ein masochistisches Festhalten an der antrainierten Opfer-Rolle, das vorsätzlich ungeschützen Sex und schließlich eine Infektion mit HIV und chronischer Hepatitis zeitigte.

Daß die jetzige DVD-Veröffentlichung jeglicher Extras entbehrt und sich damit ähnlich nackt präsentiert wie Stocks Sprache, leuchtet vollkommen ein, denn nichts an Postcard to Daddy weist über den Einzelfall hinaus; benannt werden keine Ursachen, sondern bloß Folgen. Dadurch verdunkeln sich nicht nur die eingeflochtenen Erinnerungen an einen früheren Lebensgefährten Stocks, auch die drastischen Sexszenen seines 1993 entstandenen Debütfilms Prinz in Hölleland lesen sich auf einmal wie Symptome des Erlittenen.

Und doch, auch wenn nichts ferner läge, als Stocks Dokumentation den Stempel des Allegorischen aufzudrücken, schwingt in ihr der Hauch einer Kadenz mit; der an sich selbst gerichtete Appell des Regisseurs nämlich, das Unumkehrbare als solches anzuerkennen, zur Ruhe zu kommen, Frieden zu schließen. Mit dem Bruder, der trotz allem, was geschehen ist, nicht den Kontakt zum Vater abreißen lassen möchte. Mit der Mutter, die während all der Jahre nichts vom Mißbrauch mitbekommen haben will und zu der Stock dennoch eine Liebe hegt, die eigentlich kaum vorstellbar ist. Wenn der Film schließlich im Aufeinandertreffen von Opfer und Täter mündet, macht nicht nur das fehlende Problembewußtsein des Vaters sprachlos, sondern ebenso die sanfte, keinesfalls anklagende Gesprächsführung des Sohnes. Deshalb ist Postcard to Daddy ein eminent wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte. Denn weiter als dorthin, wo die Sprache versiegt und auch die Vorstellung an ihre Grenzen stößt, können nur Filme gelangen. 2010-08-03 10:17

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