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Overnight

USA 2003. R,K,S: Mark Brian Smith. S: Tony Montana. M: Troy Duffy. P: Black & White Productions.
80 Min. Al!ve ab 28.5.10

Sp: Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Interview mit den Regisseuren, Entfallene Szenen, Kinotrailer.

Übermut tut selten gut

Von Nils Bothmann Daß Ruhm nicht jedem unbedingt gut tut, ist eine Erkenntnis, die vermutlich schon so alt wie das Phänomen des Prominenten ist. Auch das Regiefach ist davon nicht verschont. Vergleicht man zum Beispiel den Audiokommentar des aufstrebenden Jungregisseurs Michael Bay auf der Bad Boys – Harte Jungs-DVD mit dem des Großverdieners Michael Bay auf der Transformers-DVD, dann muß man sich fragen, ob die zwischen den Aufnahmen liegenden Millionen-Einnahmen unbedingt gut für Charakter und Ego des Filmemachers waren. Bay ist natürlich kein Einzelfall: Oliver Stones Exzesse sind legendär, Mel Gibson scheint seit dem Wechsel ins Regiefach vollends zum Egomanen mutiert zu sein und die mittlerweile recht peinlichen Selbstdarstellungstiraden eines Quentin Tarantino dürften auch nur noch die ganz hartgesottenen Fans bejubeln. Jedoch: Ein jeder der genannten produziert fleißig Filme, mitunter wahre Meisterwerke, und zeigt, daß man als Zuschauer (oder auch Fan) schwierige Persönlichkeiten toleriert, solange der filmische Output stimmt.

Troy Duffy, der Regisseur des Videothekenschlagers Der blutige Pfad Gottes, welcher sich 2000 durch Mund-zu-Mund-Propaganda zum Kultfilm und Heimkinoerfolg mauserte, legte sich derartige Allüren allerdings bereits zu, bevor er überhaupt einen Film vorzuweisen hatte. 1997 kaufte Harvey Weinstein das Script des damaligen Barkeepers, schenkte Duffy die Bar, in der er damals arbeitete, und setzte einen traumhaften Vertrag auf: Troy sollte das Recht auf den Final Cut haben, mit seiner Band den Soundtrack des Films machen usw. Zu seinem damaligen Dunstkreis gehörten auch Tony Montana und Mark Brian Smith, die zum einen als Manager der Band fungierten, zum anderen als Dokumentarfilmer den Aufstieg des Multitalents aufzeichnen sollten.

Die fertige Doku Overnight zeichnet freilich ein ganz anderes Bild. Das Bild eines größenwahnsinnigen Egomanen, der Familie, Freunde und Geschäftspartner in einer Tour vor den Kopf stößt, der sich gerade dadurch seine Chancen wieder verbaut. Man erfährt, warum Der blutige Pfad Gottes nur auf Video und nicht im Kino zum Renner wurde, warum er nicht von Miramax veröffentlicht wurde, warum die Produktion dermaßen lange dauerte. Man sieht das Schicksal von Duffys Entourage, die nach dem Scheitern ihres selbsternannten Anführers wieder zu unterbezahlter Arbeit zurückkehren muß. Doch glücklicherweise erscheint Overnight nie als Racheakt zweier verbitterter Ex-Kollegen, sondern zeigt auf, daß nicht allein Duffys Verhalten, sondern auch das System Hollywood und vor allem Harvey Weinstein Schuld an der Misere tragen.

Overnight montiert das über mehrere Jahre hinweg gefilmte Material zu einem Ganzen, das handwerklich absolut stimmig ist, sich nie zu sehr auf eine Sichtweise einläßt und im Endeffekt überraschend ambivalent daherkommt: Duffy mag ein aufgeblasener, egomanischer Prolet sein, und doch kommt man nicht umhin, zumindest etwas Respekt vor dem zu haben, was er erreicht hat bzw. hätte erreichen können. Doch in der Vielschichtigkeit der Dokumentation liegt auch ihre Schwäche: Die Band, das Filmprojekt Der blutige Pfad Gottes, die Einzelschicksale der Gruppenmitglieder – Overnight bleibt ein Kaleidoskop von Eindrücken und Erzählsträngen, als Chronik eines Scheiterns wirkt er nicht stringent genug, was die Wirkung der sonst sehr ehrlichen und daher kraftvollen Dokumentation abmildert. An deren Ende übrigens eine ganz eigene Meinung zu der These steht, daß Ruhm den Charakter eines Menschen verändert.

Die deutsche DVD von Capelight, die den in den USA bereits 2003 veröffentlichten Film nun parallel zum DVD-Start des verspäteten Sequels Der blutige Pfad Gottes 2 (hierzulande erneut eine »direct to video«-Veröffentlichung) in die Läden bringt, wartet mit wenigem Bonusmaterial auf, welches aber sehr gut ausgewählt wurde. Ein kurzes Interview mit den Overnight-Regisseuren beantwortet die wichtigsten Fragen, die man sich nach der Sichtung der Doku stellt, nämlich warum die beiden es so lange in Duffys Dunstkreis aushielten und ob Overnight nun als Abrechnung mit dem früheren Freund zu verstehen ist. Zur Zeit des Interviews hatte dieser den Film angeblich nicht gesehen und verweigerte verbissen jeden Kommentar zu Overnight – eine passende Reaktion für jemanden, der nicht zu jener Selbstironie fähig ist, mit der jemand wie Michael Bay (zum Beispiel bei seinem Auftritt im Werbespot der Firma Verizon) andere Charakterschwächen auszugleichen weiß. 2010-07-22 12:15

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