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Emanuelle

F 1974. R: Just Jaeckin. B: Jean-Louis Richard. K: Richard Suzuki. S: Claudine Bouché. M: Pierre Bachelet. P: Trinacra Films, Orphée Productions. D: Alain Cuny, Sylvia Kristel, Marika Green, Daniel Sarky, Jeanne Colletin, Christine Boisson, Samantha, Gabriel Briand u.a.
ca. 94 Min. Kinowelt ab 1.7.10

Sp: Deutsch, Französisch (2.0 DTS-HD MA). Ut: Deutsch. Bf: 1.66:1 anamorph. Ex: Dokumentation »Ein erotischer Erfolg«, Interview mit Regisseur Just Jaeckin und Produzent Yves Rousset-Rouard, Wendecover, Trailer.

Diplomatenfrauen küßt man nicht

Von Dietrich Brüggemann Der erfolgreichste französische Film der 1970er Jahre ist nicht von Truffaut, erst recht nicht von Godard, auch nicht von Jacques Tati und er handelt auch nicht von dem großen Blonden mit dem schwarzen Schuh. Es ist der Softpornoklassiker Emmanuelle (eigentlich ein schöner Vorname, aber durch seine Verwendung als Filmtitel leider restlos erledigt, Emmanuelle ist gewissermaßen der Adolf unter den Frauennamen). Die gute alte Emmanuelle liegt also jetzt restauriert auf Blu-Ray vor, wir können uns einen Film, der Generationen geprägt und entzweit hat, endlich in einer Qualität angucken, in der ihn vermutlich damals kein Mensch gesehen hat.

Es ist heute nur noch schwer vorstellbar, aber man muß es sich zwischendurch kurz klar machen: Wir befinden uns im Jahr 1974. Video existiert nicht. Wer einen Film sehen will, muß ins Kino gehen. Und das tun die Leute in Scharen, und zwar nicht in irgendwelche Pornokinos, sondern in ganz normale Filmtheater. Die Generation unserer Väter strömt weltweit in die Kinos und macht Emmanuelle zum Riesenerfolg. Die Generation unserer Mütter protestiert unterdessen und attestiert dem Film Sexismus, Rassismus, Kolonialismus und Klischees. Wenn man ihn sich heute ansieht, kann man beides irgendwie nachvollziehen, findet beides aber auch ein wenig seltsam. Der Film ist nämlich aus heutiger Perspektive vor allem eins, nämlich weitgehend lächerlich.

Die junge Diplomatengattin Emmanuelle folgt ihrem Mann nach Thailand und haust dort in einer äußerst noblen Hütte im Kreise zahlreicher anderer Damen. Alle sind permanent leicht bekleidet und leicht erregt. Emmanuelle macht so ihre Erfahrungen, freundet sich mit einer nymphomanen Halbwüchsigen an, verliebt sich unerwidert in eine andere Freundin und wird schließlich einem älteren Herrn anvertraut, der sie in die tieferen Geheimnisse der Lust einweihen soll. Und zwischendurch erinnert sie sich daran, daß ja schon auf dem Flug nach Thailand mit so einem Typen im Flugzeug was lief.

Die Figuren legen nie ihre übersexualisierte Attitüde ab, die Kamera legt nie den Weichzeichner ab, beides ist aufgesetzt und damit irgendwann nur noch lustig. Die Frage ist nur: Fand man das damals auch? Hat irgendjemand diesen Quatsch, der da nicht nur gemacht, sondern auch geredet wird, seinerzeit ernst genommen? Der Film ist nicht besonders ironisch. Einige Darsteller scheinen sich so ihre Gedanken zu machen, aber der Film als ganzes ist sich seiner Sache schon recht sicher. Ein Kennzeichen von unfreiwilliger Komik ist ja, daß sie sich in Langeweile verwandelt, wenn man beschließt, darüber hinwegzusehen. Ist die Generation unserer Väter damals gähnend im Kino gesessen? Wohl kaum. Vermutlich haben sie sich an der im Überfluß vorhandenen Abbildung nackter weiblicher Körper erfreut und waren damit rundum zufrieden. Und die Hauptdarstellerin Sylvia Kristel bringt in der Tat eine entwaffnende Naivität mit. Wenn man sie sich wegdenkt und durch irgendjemand anderen ersetzt, wird der Film komplett unerträglich. So ist er lustig, irgendwie harmlos und ziemlich doof. Und reiht sich damit würdig ein in die Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. 2010-07-14 09:29

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