— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Herrenkinder

D 2009. R,B: Christian Schneider. R,S: Eduard Erne. K: Harald Schmutz. P: ZDF, ORF.
95 Min. Salzgeber ab 29.6.10

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: Englisch. Bf: 1.77:1 anamorph. Ex: keine.

Mehr Schein als Sein

Von Gerrit Booms Körperliches Schleifen, sozialer Druck und politische Indoktrination. Die 1933 gegründeten Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, kurz: Napolas, waren wichtige Instrumente der NS-Diktatur zur Ausbildung ihrer künftigen Elite. 15.000 junge Männer erlebten bis Kriegsende die Erziehungsmethoden der Herrenmenschen und die Kräfte des Kollektivs. Viele von ihnen haben auch nach Untergang des Dritten Reiches wichtige Führungspositionen eingenommen – und dennoch nie gänzlich damit abgeschlossen. Herrenkinder läßt sie einerseits über ihren damaligen Alltag, ihre Gedanken und die Methoden sprechen, und begibt sich andererseits auf die Suche nach den Altlasten. »Die Schule war ein ungeschriebenes Gesetz, das Recht hatte«, sagt der bekannte Literaturkritiker Hellmuth Karasek und scheint die Vorgänge längst akzeptiert zu haben. Sein Leben ist wohl von anderen Motiven durchzogen. Das Gegenteil ist in zwei Familien der Fall, die der Film begleitet.

Gero Karrer und Erwin Schuppe waren ebenfalls Napola-Schüler. Und diese Erfahrung hat ihr Leben deutlicher geprägt, als sie sich eingestehen wollen. Ersterer hat sich, gemeinsam mit seiner Frau, beim ersten Anzeichen von Alter und Krankheit das Leben genommen; so akribisch vorbereitet, daß der Tochter kaum etwas zum Erinnern oder Recherchieren bleibt. Zweiterer scheint in seinen Erziehungsmethoden tatsächlich Patriarch geworden zu sein. Seine Kinder stellen klare Fragen, klagen mit jahrzehntelang ausdifferenzierten Worten an und machen deutlich: Wir werden damit nie zur Ruhe kommen. Leider braucht Herrenkinder viel Zeit, dorthin zu gelangen. Erst hinten heraus schafft er es, mit eben dieser Konzentration auf Schuppe, dessen Kinder und sogar Kindeskinder, die Stimmung zu verdichten und Fragen aufzuwerfen, die bis ins Heute ragen. In diesen Momenten werden die Ernsthaftigkeit des Sujets, die Bedeutung für den Einzelnen und vor allem der gesellschaftspolitische Bogen zwischen der NS-Diktatur und unserem Leben überdeutlich. Zu spät.

Denn zuvor ist der Film eine unentschiedene Aneinanderreihung von geschilderten Eindrücken und assoziativen Bildern. Ab der ersten Sekunde baut er eine mysteriös-unheimliche Stimmung auf, die später fast in eine naiv-frötzelnde Überladung mündet. Wirkt undefiniertes Knabengesumme anfangs noch beklemmend, ist die ständige Redundanz von glockenhellen Naziliedern aus ihrem Mund später nur noch lästig. Er staffiert das verlassene Napola-Gebäude in Vogelsang durch Licht und Projektionen mit einem merkwürdigen Mystizismus aus und vergibt die Chance, mit seinen Protagonisten vor Ort zu sein, indem er schlichtweg viel zu wenig davon zeigt.

Immer wieder werden Interview-Schnipsel kurz gehalten und akustisch in einen Hall gesetzt, der noch mehr Pseudo-Bedrohung aufzubauen versucht. Gleichzeitig bebildert er mit Archivmaterial viel zu oft das Gesagte: Auf einen verbal ausgesprochenen Schlag folgt ein bildlicher Schlag, auf einen Sprung ins kalte Wasser ein Sprung ins kalte Wasser, in so schnellen Schnitten, daß sie nicht als Verdeutlichung dienen können. Ebendies scheint eine generelle Intention des Films zu sein: Er bemüht sich bewußt um einen Bruch der Dramaturgie, indem er immer wieder mit der Ankündigung von Elementen arbeitet, die erst Minuten später eingelöst werden. Was vielleicht Interesse und Aufmerksamkeit wecken soll, verkehrt sich damit leider ins Gegenteil. Beide gehen im Bruch und in der Auseinandersetzung mit den zwischengeschobenen Inhalten verloren. Eigentlich möchte man jedes Mal bei dem bleiben, was gerade passiert. Der Film aber schneidet stets im falschen Moment um.

Eine wichtige Entscheidung hätte Herrenkinder gut getan: ENTWEDER läßt man prominente Schüler über Automatismen während der Napola-Zeit und danach, über Werte, Ideale, Machtmechanismen, Motivationen, Funktionen und psychologischen Druck nachdenken und sprechen ODER man versucht, Familien bei ihrer internen Tragödien- und/oder Problemaufarbeitung zu begleiten und zu unterstützen. Beides ist einfach zu viel Stoff auf einmal. Durchaus wird vieles davon umrissen, leider aber wenig davon ausgefüllt. Und so bringt Tochter Schuppe im Gespräch das eigentlich Problem des Films auf den Punkt: »Es liegt noch eine Schicht darunter; aber es sind so viele darüber, daß man nicht herankommt.« 2010-07-06 17:19

Medien

© 2012, Schnitt Online

Sitemap