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Holozän

CH 1992. R,B: Heinz Bütler, Manfred Eicher. K: Yorgos Arvanitis. S: Isabelle Dedieu. M: Johann Sebastian Bach, Béla Bartók, Dimitri Schostakowitsch. P: George Reinhart Productions, ECM, TSI. D: Erland Josephson, Sophie Duez, Elvezia Barzan.
91 Min. Absolut Medien ab 30.10.09

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.33:1. Ex: Booklet mit Essays von Wolfgang Sandner und Auszügen aus Max Frischs Erzählung.

Träge Entgleitungen

Von Julian Bauer Meer, Welle, Gischt: Rauschen und Johann Sebastian Bach. / Blick aus dem Tal ins verregnet verschleierte Gebirge. / Tableau: Tal, Straße, am Ende ein Haus. Regen. Ein Mann läuft hindurch. Es ist Herr Geiser.

Holozän ist eine filmische Komposition nach der Erzählung von Max Frisch. Das träge Kamera-Auge beobachtet Herrn Geiser, der dabei ist, sein Gedächtnis zu verlieren, dokumentiert seinen Versuch, das ihm Entgleitende festzuhalten: Herr Geiser schneidet Artikel und Abbildungen aus Enzyklopädien heraus und zettelt sie an die Wände seines Hauses. Sätze wie Abbildungsfotographien tauchen auf der Tonspur auf. »Linien als Spinnenweben« »Ein Bär ist ein Bär, auch im Nebel.« Schatten fallen über seine Notizen. Herr Geisers Schattengedächtnis. Überhaupt durchziehen den Film sich stetig verändernde Lichtverhältnisse. Gleißendes Licht durch die weißen Vorhänge, Zwielicht in den Fluren, das Flattern des Kaminfeuers, die Blende des Blitzes. Nicht selten zerfällt der Raum im Hause Geisers in sich ausnuancierende Licht- oder eben Dunkelfelder: Die Erinnerung ist wie ein Blick durch Türrahmen, Flur, Zimmer, Kammer. Die Natur kennt diese Strukturen nicht. Die weitwinkligen Aufnahmen isländischer Ausdehnung werden Geisers verzweifeltem Bewahrungsversuch seines Wissens gegenübergestellt. Es sind Seelenlandschaften. Wissen findet sich darin nicht. Der persönlichen Katastrophe, der sich Geiser gegenüber sieht, stellen die Regisseure Bütler und Eicher analog zur Naturkatastrophe: In einer Reminiszenz an Bergmans Persona steht Herr Geiser in seinem Wohnzimmer und vollführt Gestiken der Verzweiflung, während im Fernseher menschliche Siedlungen flimmernd überfluten. Doch: »Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.«

Die filmedition suhrkamp liefert diesen großartigen und beim Filmfestival von Locarno mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichneten Film ohne weiteres filmisches Material. Dahingegen ist der DVD, der Edition entsprechend, ein Booklet beigefügt, das neben Auszügen aus der Erzählung und Abbildungen eine Rezension von Wolfgang Sandner und seinen Aufsatz zur Verwendung von Musik in Holozän und über die Töne in der literarischen Vorlage enthält. 2010-05-26 18:29

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