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Ulrich Seidl-Box

Mit Verlust ist zu rechnen (1992), Tierische Liebe (1995), Der Busenfreund (1997), Models (1999), Hundstage (2001), Import/Export (2007).
630 Min. Alamode ab 16.4.10

Sp: Deutsch (DD 5.1, DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 ana- morph. Ex: Kurzfilm Der Ball, Interviews, Trailer, Teaser.

Aber die Liebe!

Von Werner Busch Jetzt mal ganz offen: Die Welt existiert nur in unseren Köpfen. Der vorstehende Nagel in der Fußdiele ist nur da, weil er mir weh tut, wenn ich darauf trete. Und Sie, lieber Leser, gibt es nur, weil ich hier schreibe. Das ist wissenschaftlich beinahe erwiesen. In unseren Köpfen ist die Welt bald schön, bald bedrückend und oft irgendwas dazwischen. Am Sein selbst geht unser Denken vom Sein im Regelfall vorbei. In seinen Filmen zeigt uns der Österreicher Ulrich Seidl, warum das so ist. Seine Filme sind nichts für Realitätsflüchtige. Aber das sind wir alle. Das Wesen des Kinos, das unserem Denken so sehr entspricht, das vollwürsteln des Bottichs mit dem Schild »Illusionsgehalt«, will Seidl dem Kino wegnehmen. Mit seinen eigenen Waffen. Das ist grober Unfug, und genau deshalb unglaublich schön.

Die Ulrich Seidl-Box gewährt einen guten Überblick über sein verschiedenartiges Filmschaffen. Neben den Spielfilmen Hundstage und Import Export finden sich mit Models und Tierische Liebe zwei seiner skandalträchtigsten Dokumentationen. Die Filme Mit Verlust ist zu rechnen und Der Ball gewähren Einblicke in das Frühwerk, in denen wir seinen formal beinahe schon völlig ausgereiften und unnachahmlichen Stil wiederentdecken. Insbesondere Mit Verlust ist zu rechnen ist ein wunderbares Beispiel dafür, was in der Seidl-Rezeption so häufig schiefläuft. Der Film erzählt die Geschichte einer Brautschau im Rentenalter. Zwischen dem neuerlichen Witwer Sepp aus Österreich und der Frau, die er werben möchte, der Witwe Paula aus einem benachbarten Dorf jenseits der tschechischen Grenze. Die pragmatischen Beweggründe für die Anbändelei werden zunächst herausgestellt: Sepp findet seine Kühltruhe beinahe leer, die Vorräte, die seine Frau angelegt hatte, gehen zur Neige, der Hausstand verlottert zunehmend. Deshalb braucht er eine Frau. Die Romantik steht weit hinten an, man muß sich lediglich »verstehen«. Er bietet finanzielle Sicherheit gegen Dienstleistungen. Eine Grenze, ein Austausch aus Selbstinteresse. Man läßt sich leicht von den schockierenden Einsichten zu sehr erschrecken und übersieht gerne die vielen wunderbaren Momente. Etwa Sepps Ausflug mit Paula zum Rummel, oder wenn drei Hausfrauen im Rentenalter über Beziehungen und Sexualleben reden: sehr offen, aber bei jedem »schmutzigen Wort« verschämt kichernd. Seidl zeigt sich in diesem Film am unverschleiertsten von seiner humoristischen Seite, die man in anderen Filmen gerne völlig übersieht oder als blanken Sarkasmus und Verrat an den Figuren abtun will.

Die mitunter verspürte Schmerzlichkeit der Filmerfahrung, die simplen und kargen Einsichten zu denen man gelangen darf, verstellen den Blick auf die tiefere Einsicht, daß Seidl ganz offensichtlich ein hoffnungsloser Romantiker ist. Die Abwesenheit der Liebe wird nur deswegen zum Gegenstand vieler Filme, weil sie dringend vermißt wird. Hinter der unterstellten Finsternis und depressiven Weltsicht der Filme verbirgt sich in Wahrheit eine überaus positive Weltschau. Viele ablehnende Reaktionen haben dies unterstrichen, wenn sie die unangenehme Intimität mit den häufig abstoßenden Figuren kritisieren. Etwa mit Rene Rupnik aus Der Busenfreund, eine TV-Doku, die sich ebenfalls in der Ulrich Seidl-Box findet. Hier lernen wir einen Menschen sehr genau kennen. Zunächst seine offizielle Seite, als eloquenter Rezensent der Karriere von Senta Berger und als Mathematiklehrer. Zunehmend lernen wir seine private Welt kennen. Stück für Stück zeigt uns Seidls Kamera in immer weiter werdenden Einstellungsgrößen mehr von Rupniks Wohnung, enthüllt zunehmend die Berge von nutzlos gesammelten Zeitschriften mit denen die Zimmer vermüllt sind. Und von seiner Mutter, die sich zunächst noch hinter Türen versteckt. Ein Alleinstehender, am Leben Gescheiterter, der auf dem Weg ins Grab seine alte Mutter perfide drangsaliert. Die harten Kadrierungen unterstreichen die strenge Inszenierung sämtlicher Einstellungen, die ungleich wertvoller als jedes gesuchte Handkameragedudel sind. Eine große Nähe zu dieser Figur drängt sich mit Gewalt auf. Und gleichzeitig die Frage: Darf man das? Darf man so ein armes Würstchen sich vor der Kamera dermaßen entblättern lassen? Oh ja. Denn die Frage danach wird aus der Angst vor Intimität geboren, der Angst vor Gemeinsamkeit. Übersetzt: Der Angst vor der Liebe. Das kann man nur auf die harte Tour lernen. 2010-05-20 11:25

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