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Günter Wallraff Undercover

Bei Anruf: Abzocke (D 2009), Unter Null (D 2009), Wo Arbeit wehtut (D 2009).
115 Min. Al!ve ab 29.1.10

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: keine. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: keine.

Er pfeift wieder die Internationale

Von Gerrit Booms Was Günter Wallraff anpackt, wird im Normalfall zu Staub. Gefaßt, zerfetzt und eingestampft. Denn Wallraff hat das Talent, Dinge, die vielleicht im gebildeten Unterbewußtsein in Wahrheit jedem klar sind, auf den Tisch zu packen und ins Bewußtsein hoch zu holen. Dort können sie allerdings nicht als Wahrheiten bestehen bleiben. Zu beschämend wären seine Erkenntnisse. Also werden sie geändert, vernichtet, beschönigt, schockiert zur Kenntnis genommen, weiter betrieben – je nach Gewissens-, Intellekts- oder Geschäftslage. In seinen nahezu dilettantisch simplen Verkleidungen gelingt es ihm immer wieder, große Zusammenhänge ins Wanken zu bringen und Menschen aufzurütteln. Auch diesmal. Immerhin.

Für die vorliegende DVD hat Wallraff in Zusammenarbeit mit Regisseur Pagonis Pagonakis nun drei solcher Fälle zusammengefaßt. Wo Arbeit wehtut zeigt ihn mit versteckter Kamera in den Produktionsräumen einer Billigbäckerei; Bei Anruf Abzocke ist die Auswertung seiner Recherchen in Call-Centern, die auch durch Fernsehauftritte seinerseits schon durchaus für Furore gesorgt haben; Unter Null zeigt Wallraff beim Versuch, rund um den Jahreswechsel als Obdachloser in Köln, Frankfurt und Hannover Platte zu machen.

In den jeweils rund 40minütigen Reportagen geht er ans Eingemachte. Wie immer und trotz seiner 67 Jahren ist er sich nicht zu schade, seinen Körper großen Gefahren auszusetzen. Mal steht er an 300 Grad warmen Öfen ohne Schutzabdeckung, mal schläft er bei minus 15 Grad im Freien. Sicherlich könnte man solche Szenen filmisch besser aufpolieren, Kameraeinstellungen finden, die stärkere Emotionen auslösen, doch das ist nicht seine Art. Man sieht, daß nicht besonders viel Geld in die Hand genommen wurde, daß es hier nicht um Hochglanz, HD und Emotionskino geht. Nicht das Mitleid, nicht das Entsetzen, nicht der Ekel sollen den Zuschauer treiben. Die nackten Tatsachen sollen übrig bleiben.

Wallraff ist auch im Reportagefilm nicht geschult. Immer wieder setzt er in Nahaufnahmen sein mitfühlend-wissendes Gesicht auf, das doch so fern bleibt. Aber auch das sei ihm verziehen. Die Themen sind es allemal wert, recherchiert, aufgedeckt und, auf welche Weise dann auch immer, gezeigt zu werden.

Seine Bücher wurden immerhin schon oft genug angezweifelt. Die Macht der Bilder aber stellen die Menschen ja bekanntlich eher weniger in Frage. Die Reaktionen beweisen das: Ob es nun geschlossene Obdachlosen-Unterkünfte oder offizielle Geschäftsstellungnahmen der Kette Lidl sind, Wallraffs Recherchen werden ernst genommen und haben eine Macht. Und die hat, ohne hier pathetisch werden zu wollen, ja jede Stimme. Denn jeder kann die Erkenntnisse dieser DVD in sein Leben und sein Umfeld tragen und zumindest daraus lernen. Das macht sie wertvoll. 2010-04-15 17:28

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