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Geschichte(n) des Kinos

Histoire(s) du cinéma. F/CH 1988-98. R,B,S: Jean-Luc Godard. K: Pierre Binggeli, Hervé Duhamel. D: Jean-Luc Godard, Juliette Binoche, Julie Delpy, Anne-Marie Miéville, André Malraux, Ezra Pound, Paul Celan. P: Gaumont, Peripheria, FEMIS, CNC.
264 Min. absolut Medien ab 30.10.09

Sp: Deutsch (DD 2.0). Bf: 1.33:1. Ex: Essay von Klaus Theweleit, Booklet mit Materialien und Interviews.

Geschichte schreiben

Von Daniel Bickermann Film wird in den Projektor gespannt, Papier in die Schreibmaschine. Der Chronist bleibt ungerührt, er hat genug durchlebt, nun durchdenkt er noch einmal. Seine Mittel sind die elektrische Schreibmaschine und die assoziative Montage. »Hoc opus hic labor est« prangt in weißen Lettern auf der Leinwand, auf dem Schirm, während Godard flüstert: »Ändere nichts, damit alles anders wird«. Das Gesagte echot Heraklits »panta rei«, während das Geschriebene Vergils »Aeneis« zitiert – und zwar jene Szene, da der Titelheld in die Unterwelt hinabsteigt und diese Aufgabe für erstaunlich einfach befindet, bis er merkt, daß der Rückweg die eigentliche Prüfung ist: »Hier liegt die Aufgabe und die schwere Arbeit.«

Godard hat sich aus dem Hades der Kinematographie herausgekämpft (sofern er nicht vielleicht dessen Herrscher ist, der uns nur blenden möchte, man weiß ja nie), und wie Dante bringt er seinen Bericht von allen zehn Kreisen dieser Unterwelt in betörender (Bild)sprache und verwegener Epik zu uns an die Oberfläche. Auf den ersten Blick ist es vor allem eine Sammlung und Anordnung, und die Montage ist ihre vornehmliche Kunst: Sie generiert Blitzüberblendungen zwischen drei in Zeitlupe ablaufenden Filmen, sie setzt Wenders neben Dreyer, Kurosawa neben Renoir, Westernspäße neben Stummfilmtragödien, Gangsterstreifen neben Wochenschauaufnahmen.

Die Intertextualität, ja die gesamte Postmoderne wird hier auf ihre absurde Spitze getrieben: Bild- und Tonschnipsel aus berühmten wie obskuren Filmen sind zu sehen, über denen sich in stolzer Schrift französische Schlagworte und Thesen abwechseln, über welche wiederum Godard seine kühlen Assoziationen und Meditationen spricht – Godards Histoire(s) sind ein Monolith der Überforderung. Umso wichtiger ist diese lang erwartete deutsche Fassung: Wer sich als Nichtfranzose ans Original wagte, mußte oft aus der falschen, nämlich der sprachlichen Überforderung heraus aufgeben. Die deutsche Synchronisation wird daher in diesem Fall dankbar angenommen – weil doppelte Untertitel ein heilloses Durcheinander im Bild angerichtet hätten. Zwar wird die Sache mit nachgesprochenen Zwischentiteln und übersprochenen Godard-Gedanken auch nicht gerade vereinfacht: Nicht selten sind zwei deutsche und eine französische Stimme überlagert. Andererseits kommt dies dem audiovisuellen Sturmgewitter, das Godard über uns hereinbrechen läßt, sicherlich am nächsten. Zusammen mit einem über 30seitigen Booklet, in dem Klaus Theweleit dem Leser eine Gebrauchsanleitung voller unbezahlbarer Einsichten mitgibt, wird daraus eine weitere stolze Flaggschiffausgabe der »filmedition suhrkamp«, die derzeit weit abgeschlagen als ehrgeizigste und anspruchsvollste DVD-Reihe hierzulande gelten muß.

Und doch wird man selbst eingefleischte Cineasten sehen, die an diesem vierstündigen Filmmonolith zerschellen oder aufgeben. Sollte man eine Warnung aussprechen? Im Gegenteil! Die meisten Filme lobt man, wenn sie einem wiederholten Sichten standhalten und noch immer neue Einsichten, meist auf mikroskopischer Ebene, zu bieten haben. Man mag nun versucht sein, Godard dafür zu tadeln, daß man nach den gesamten vier Stunden, die sich in ihrer Dichte anfühlen wie ein Vielfaches davon, das Gefühl nicht loswird, diesen Film noch sehr viel häufiger sehen zu müssen, um ihn auch auf der makroskopischen Ebene schlüssig zusammenzusetzen. Es ist einer dieser Filme, die man sich vielleicht jedes Jahr einmal anschauen muß - bei jeder Sichtung würde er seinen Sinn verändern, würde die Textur der Bedeutung reicher und feiner werden.

Im Zeitalter der medialen Verfügbarkeit lassen sich viele der Gedankenfetzen, wenn sie nicht von Godard selbst kommen, wohl auch von Hobbyliteraten zu ihren vielfältigen Ursprüngen zurückverfolgen: Zu Freuds Traumdeutung, zu Charles Peguys Clio, zu den Gedichten von Emily Dickinson oder den Kurzgeschichten von Jorge Luis Borges oder den Romanen von Virginia Woolf. Und manch gewiefter Filmwissenschaftler wird wohl viele der Standbilder zurückverfolgen können (auch wenn nicht viele mit Portraitaufnahmen von Jean Renoir oder Erich von Stroheim vertraut sein dürften). Aber hier kann es nicht um Vollständigkeit gehen – eher um ein Gefühl für die Sache.

Entsprechend wäre auch der Versuch, einen groben Umriß der inhaltlicher Gliederung von Godards Magnum Opus zu skizzieren, überaus töricht. Wer will dieses Gewitter aus Assoziationen und Eindrücken zusammenfassen? Ikonenmalerei, Mary Duncan, Che Guevara, der Holocaust, Jean-Paul Belmondo, Marilyn Monroe, mittelalterliche Kunstdrucke, Nosferatu, Frauenwrestling, Impressionismus, der Grand Canyon, Buñuel, Faust, Eddie Constantine, Oktober, Jesus, Antoine Doinel, Giacometti, Griffith, Der müde Tod, Monteverdi, Pornographie, Hitler und Hitchcock, Frankenstein und Eisenstein, Monsieur Lange und Fritz Lang und Henry Langlois, und zum festlichen Abschluß spielen Chaplin und Keaton noch einmal gemeinsam den Tango. Und man weiß: Man wird dieses Werk wieder und wieder sehen müssen. Man wird vielleicht nicht mehr davon verstehen, aber anderes. Und man kann es kaum erwarten.

Abschließend ertönt melancholische Klaviermusik, so schmerzhaft schön, daß man meint, die Sonne ginge auf, und Godard murmelt: »Wenn ein Mensch das Paradies im Traum durchquerte / und eine Blume erhielte als Beweis für seinen Aufenthalt / und er beim Erwachen diese Blume in seinen Händen hielt / was würde er sagen? / Ich war dieser Mensch.« Und man versteht: Es war doch nicht die Unterwelt, die dieser kinematographische Dante für uns durchquert hat – es war der Filmhimmel. Und sein Bericht hat Geschichte geschrieben. 2010-03-29 11:17

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