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Das Grab der Sonne

Taiyô no hakaba. J 1960. R,B: Nagisa Ôshima. B: Toshirô Ishidô. K: Takashi Kawamata. S: Keiichi Uraoka. M: Riichiro Manabe. P: Shôchiku Eiga. D: Masahiko Tsugawa, Kayoko Honoo, Isao Sasaki, Fumio Watanabe, Kamatari Fujiwara, Tanie Kitabayashi, Junzaburô Ban, Jun Hamamura u.a.
87 Min. Polyfilm ab 6.11.09

Sp: Japanisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1.

Aufmunterung zur Absolution

Von Marco Geßner Nagisa Ôshima ist in Deutschland allenfalls durch seinen skandalumwitterten Kunstporno Im Reich der Sinne bekannt, dem seinerzeit auf der Berlinale judikative wie mediale Aufmerksamkeit gesichert war. Das der Regisseur in Japan seit den 1950er Jahren eine öffentliche Person, ein streitbarer Verfechter für überkommen erachteter Moral- und Sittenstandards sowie politisch linker Aktivist ist, blieb bisher dem Wissen einer überschaubaren Gemeinde an Cineasten vorbehalten. Das Label Polyfilm Video gibt mit seiner im Dezember gestarteten Edition »Japanische Meisterregisseure« nun die Gelegenheit, weitere Einblicke in das Oeuvre Ôshimas zu erhalten.

Den Anfang macht Das Grab der Sonne von 1960, eine bittere Milieustudie, angesiedelt in den fast endlosen Slums von Kamagasaki. Bitter, das meint die drastischen Überlebensmethoden der Bewohner, die am absoluten Tiefpunkt ihrer Existenz angelangt sind und nichts mehr zu verlieren haben. Seien es die brutalen Methoden rivalisierender Gangs oder der illegale Handel mit Blut. Ôshima zeigt uns die beiden Archetypen dieser sozialen Gemeinschaft: Diejenigen, die bereits ihre Hoffnung und Selbstachtung verloren haben und diejenigen, die kurz davor sind. Auswege, die Flucht aus diesem Ghetto werden als utopisch angesehen: Die Alten klammern sich an wirre Phantastereien von einem bald kommenden Krieg, der sie als künftige Soldaten wieder in die Gesellschaft aufnimmt. Die Jüngeren träumen vom Abhauen, doch können diesen diffusen Begriff nicht konkretisieren, nicht mit Leben erfüllen, sondern treiben ziellos leidend tiefer in den Strudel zwischenmenschlicher Qualen, Pein und Selbsthass hinein. Das Ende des Films entbehrt entsprechend jedweder kathartischer Kraft, bleibt als schonungslose politische wie gesellschaftliche Anklage bestehen. Es ist nicht zu übersehen, dass Oshima sowohl die eigene filmische Tradition, den Neorealismus, als auch die damals beginnende Bewegung der Nouvelle Vague genau studiert hat und in Elemente des Films einbaut. Jedoch fühlt sich Oshima seinem persönlichen Dogma der »Selbst-Negation« verpflichtet. Der Regisseur Ôshima mißtraut dem Drehbuchautor Ôshima und dessen inhaltlichen wie inszenatorischen Ideen. Die daraus gewonnene Distanz zu seinem eigenen Sujet führt in Das Grab der Sonne zu einer Abschwächung des melodramatischen Aspekts hin zu einer mehr sachlichen, nüchternen Sicht- und Erzählweise, was dem Film eine Atmosphäre der Hilf- und Fassungslosigkeit gibt. Nicht der Filmemacher kann durch sein Werk das schlechte Gewissen der Gesellschaft ob dieser Zustände lindern, die Gesellschaft muss das Problem selbst angehen. Ôshimas Film hat Relevanz, auch heute noch und war seinerzeit einer der ersten Vertreter einer neuen Welle in Japan, welche die Realität wieder in die Kinos holte.

Bild (Originalformat 2,35:1) und Tontransfer (DD 2.0) sind auf der vorliegenden DVD anstandslos gelungen. Geboten wird der japanische Originalton mit deutschen Untertiteln, die gut lesbar sind. Die Covergestaltung ist ebenfalls in ihrer schönen Schlichtheit ansprechend. Als Extra gibt es ein Booklet mit einer sehr knappen Einführung in die japanische Filmgeschichte bis zu den 50er Jahren und eine Vorschau auf die weiteren Filme der Reihe. Bis Ende 2011 sollen neben weiteren Werken von Oshima Nagisa (Sing a Song of Sex und Die Nacht des Mörders sind bereits erschienen) auch Filme von Yasujiro Ozu, Keisuke Kinoshita und Yoshitaro Nomura erscheinen und weitere Argumente für die Erkenntnis geben, das der japanische Film weit mehr zu bieten hat als Akira Kurosawa, Takeshi Kitano oder der großen grünen Dame, die immer so gerne Tokio zerlatscht. 2010-02-01 10:55

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