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Tatort: Kressin stoppt den Nordexpress

BRD 1971. R: Rolf von Sydow. B: Wolfgang Menge. K: Franz Rath, Jürgen Jürges. S: Alexandra Anartra. M: Klaus Doldinger. P: WDR. D: Sieghardt Rupp, Yvonne Ingdal, Gitte Haenning, Ivan Desny, Hermann Lenschau, Edgar Hoppe, Karl-Heinz Otto, Dieter Wagner u.a.
75 Min. Buena Vista ab 3.12.09

Sp: Deutsch (DD 1.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.33:1. Ex: Dokumentation, Trailer u.a.

»Rote Lippen soll man küssen«

Von Carsten Tritt Als in der ARD dereinst noch Sendungen produziert wurden, die sowohl kontrovers als auch intelligent waren – die ältere Generation wird bestätigen können, daß es so was durchaus mal gab – hatte zumeist Wolfgang Menge seine Finger im Spiel: Das Millionenspiel, Smog, Ein Herz und eine Seele, Motzki, und in der Anfangszeit des Tatort eben der Zollfahnder Kressin, dessen Figur von Menge entwickelt wurde, und von dessen sechseinhalb Fällen vier auf Drehbüchern von Menge basierten.

Die Kressin-Tatorte gehören, zusammen mit dem frühen Schimanski und ganz seltenen Highlights wie Dominik Grafs Frau Bu lacht zum innovativsten, was die Krimireihe hervorgebracht hat. Warum die ARD-Verantwortlichen nun ausgerechnet dem dritten Kressin eine DVD-Veröffentlichung schenken, statt chronologisch Vorzugehen, erschließt sich zwar nicht, aber dennoch ist Kressin stoppt den Nordexpress ein recht typischer Kressin und demnach ein ebenso untypischer Tatort: Zu Beginn sehen wir den Protagonisten in Kopenhagen, wo er sich mithilfe seiner dänischen Begleiterin von seinen letzten anstrengenden Fällen erholt und sich nebenbei noch etwas über Pornographieschmuggel informiert. Versehen mit einem Koffer voll »Anschauungsmaterial« macht er sich dann auf Drängen seines Vorgesetzten irgendwann doch auf die Rückreise und nimmt, teils weil alle Flüge ausgebucht sind, vor allem aber der attraktiven, alleine reisenden Reisebürokundin neben ihm folgend, den titelgebenden Zug, nach dessen Abfahrt sich natürlich auch weiterhin sein Augenmerk ausschließlich auf die Suche nach weiblicher Begleitung richtet.

Zu diesem Zeitpunkt sind bereits 40 Minuten des gerade einmal 75 Minuten dauernden Tatort verstrichen, und würden nicht aus der Parallelhandlung hin und wieder sorgsame Planungen und Aktionen einer geheimnisvollen Verbrecherorganisation eingeschnitten werden, die im Auftrag von Erzschurken Sievers eine Gefangenenbefreiung in just dem Zug durchführen wollen, in dem der Zollfahrer gerade das weibliche Personal belästigt, käme man wohl kaum auf die Idee, das Dargebrachte könne etwas mit einem Krimi zu tun haben. Was dann in den letzten 35 Minuten passiert, verrät ja im Prinzip schon der Filmtitel, aber spannender als dies und die Frage, ob Kressin Sievers diesmal schnappen wird, oder ob der Schurke erneut in seinem Rolls Royce mit liechtensteinischer Zulassung entkommen wird, ist natürlich, mit welcher Anmache der Zollfahnder diesmal bei der Damenwelt landet.

Noch nicht einmal einen anständigen Mord gibt es in Kressin stoppt den Nordexpress, der ein bestes Beispiel dafür ist, wie unterhaltsam der Tatort sein kann, wenn er mal die Genrekonventionen mit der Missachtung straft, die ihnen gebührt, und seinen Figuren freien Lauf läßt – aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar, daß die Kressin-Filme in derselben Reihe entstanden sind, bei der heute mit Argusaugen darauf geachtet wird, daß der erste Mord nach spätestens acht Minuten erfolgt, und stets politisch korrekt und gesellschaftlich relevant jeder Fall in 88 Minuten und 30 Sekunden ausermittelt ist, damit die Folge auch lückenlos ins Programmschema passt.

Obwohl Kressin stoppt den Nordexpress – wie alle anderen Kressin-Filme auch – rundum überzeugt, wäre allerdings zur Überlegung zu raten, ob nicht ein Mitschnitt der nächsten Fernsehwiederholung den DVD-Kauf ersetzen soll, zumal die Bildqualität eher mäßig und relevantes Bonusmaterial außer einer allgemeinen Dokumentation über die Tatort-Historie (die sich allerdings auch auf anderen DVDs der Reihe findet) nicht vorhanden ist. 2010-01-28 14:58

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