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Horror-Sex im Nachtexpress

La ragazza del vagone letto. I 1979. R: Ferdinando Baldi. B: George Eastman. K: Giuseppe Aquari. S: Alessandro Lucidi. M: Marcello Giombini. P: Rinascita Cinematografica. D: Werner Pochat, Silvia Dionisio, Zora Kerova, Gianluigi Chirizzi, Carlo De Mejo, Giancarlo Maestri, Fausto Lombardi, Gino Milli u.a.
82 Min. Camera Obscura (Illusions Unltd.) ab 20.10.09

Sp: Deutsch, Italienisch (DD 2.0 Mono). Ut: Deutsch, Englisch. Bf: 1.66:1 anamorph. Ex: Interview-Featurette, Trailer, Bildergalerie.

Die Bahn kommt

Von Marco Geßner Deutsche Verleihtitel waren doch in seligen Zeiten etwas für die ganz Kreativen. »Die Jungs aus dem letzten Wagen« erschien den Herren vom Filmverleih wohl als zu unspektakulär, und so reimten sie sich den deutschen Synchrontitel zusammen. Nun, der Nachtexpreß stimmt ja, und eine Vergewaltigung als Horrorsex zu titulieren, ist ja nicht ganz falsch. Egal, der Titel läßt erahnen: Exploitation ist’s in Reinkultur! Was nicht zuletzt bedeutet, daß neben der sensationslüsternen Betrachtung der inhaltlichen Vorgänge auch immer ein paar Seitenhiebe auf die Mißverhältnisse der Gesellschaft hineingerührt werden, zumindest bei den interessanten Vertretern des Genres. Am Beispiel einer Drucksituation höchster Angst und nervlicher Anspannung läßt das Bürgerlich-Sozialisierte im Menschen doch recht schnell die Hosen runter, um es einmal im Duktus des Films zu umschreiben. Alsbald offenbart sich hinter der Maske des Biedermanns der archaische Trieb unserer Vorfahren. Täter und Opfer nähern sich zum Teil im Verlauf der Handlung an, wechseln im Extremfall sogar die Seiten.

Verweise auf die dem Genre innewohnenden Möglichkeiten gesellschaftskritischer Kolportage gibt es denn auch in Horrorsex im Nachtexpress: Drei verzogene junge Herren bringen den Wagen eines Nachtzuges unter ihre Kontrolle und treiben mit den Fahrgästen ihre Spielchen. Als da wären: der Schaffner, der den Fahrgästen eine Prostituierte anbietet, was zumeist nicht abschlägig beschieden wird. Die Prostituierte selbst als einzige Filmperson, die sich noch einen Rest an Würde erhalten hat. Der Familienvater, der seine Tochter begehrt. Der reiche Geschäftsmann, der unfähig für Empathie hinsichtlich der mitgefangenen Insassen ist. Die Ehefrau, die mit ihrem deutlich älteren Ehemann nichts mehr anfangen kann, während dieser auf die »ehelichen Pflichten« pocht, nachdem sie im Zug fremdgegangen ist, was wiederum in einer Vergewaltigung endete.

Klar, mit psychologisch glaubwürdigen Charakteren und deren Reaktionen und Entwicklungen ist es im Exploitationfilm per Genredefinition nicht weit her. Trotzdem läßt einen Ferdinando Baldis Trasher auf Schienen relativ ratlos zurück. Was hauptsächlich daran liegt, daß die Produktion, wie in der interessanten Dokumentation zum Film erläutert wird, ein klassischer Schnellschuß ist. Die Aspekte der Story, das Ausloten des menschlichen und moralischen Versagens in der Extremsituation, kommt über das bloße Anreißen, das stichpunktartige Aufzeigen nicht hinaus, die Charaktere bleiben trotz gelegentlicher Versuche zur Differenzierung blaß. So hängen viele Szenen dramaturgisch in der Luft, bleiben ohne Wirkung und verkommen – pardon – zur Nummernrevue. Das unausgegorene inhaltliche Bild wird durch die routinierte, aber eher doch gelangweilte Regiearbeit abgerundet. Die Darsteller, allen voran Werner Pochat, der entgegen dem Trailer im Filmvorspann nurmehr als Paul Werner gelistet ist, erledigen ihren Job mit Anstand und retten im Verbund mit Marcello Giombinis Musik den Film vor dem Totalausfall. Ansonsten gilt für den in punkto Sex und Gewalt zurückhaltend inszenierten Film, daß er gegen seinen großen Bruder im Geiste, Aldo Lados L’ultimo treno della notte, sich ausnimmt wie ein Regionalexpreß zum ICE. Mittelmaß!

Dem hingegen ist die DVD rundherum gelungen. Am Bild zeigen sich die scheinbar widrige Lagerung des Ausgangsmaterials in den letzten Jahrzehnten, die wenigen Defekte fallen jedoch niemals störend ins Gewicht. Die Tonspuren geben ebenfalls gepflegten Monoton zum Besten. An Extras gibt es die bereits erwähnte knapp halbstündige Interviewdoku, eine unvermeidliche Bildergalerie sowie zwei Trailer. Abgerundet wird die Edition durch ein ansprechendes Design vom Cover bis zu den Menüs sowie einen Begleittext von Christian Kessler. 2009-12-21 14:23

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