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Kategorie C

D 2009 R,B: Franziska Tenner. K: Matthias Tschiedel. S: Rune Schweitzer. M: Peter Gotthardt. P: A Jour Film- und Fernsehproduktion.

Sp: Deutsch (DD 2.0). Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Interviews, Deleted Scenes, Presseartikel u.a.
85 Min. Indigo ab 23.10.09

Die Verachtung der Massen

Von Alexander Scholz Zwei Gruppen muskulöser Männer stehen sich mit nackten Oberkörpern in einer Lagerhalle gegenüber. Im Hintergrund sieht man einen schwach neonbeleuchteten Boxsack, der noch ein wenig hin- und herbaumelt, gezeichnet von den letzten Schlägen, die er erfahren hat. Die Männer stürmen aufeinander zu. Als sie sich in der Mitte der Halle treffen, entlädt sich ihre rohe Gewalt völlig unkontrolliert – an einem Fußball. Daß Fußball ein Spiel ist, das durchaus zum Einsatz von Gewalt einlädt, ist bekannt und im Rahmen des Spiels akzeptiert. Daß es in der Peripherie dieses Sports eine Szene von Anhängern gibt, die diese Gewalt abseits des fiktiven Konflikts des Spiels auf einer sehr realen Ebene ausüben, ist auch bekannt, steht aber zu selten im Zentrum des medialen oder gar künstlerischen Interesses. Franziska Tenners Dokumentarfilm Kategorie C bricht dieses Schweigen, indem er gewaltbereite bzw. gewaltsuchende Anhänger der Vereine Chemie und Lok Leipzig begleitet und interviewt. Tenner taucht tief in ein Milieu ein, in dem Aggression und Leidenschaft für einen Verein nah beieinander liegen. Der Szene in der Fabrikhalle eines Leipziger Vorortes haftet trotzdem kaum noch etwas Sportliches an. Bereits zuvor hat die Regisseurin Amateuraufnahmen von Hooligantreffen gezeigt, die ähnlich strukturiert sind. Streng hierarchisch geordnete Mobs stürmen in Waldstücken entfesselt aufeinander zu und prügeln so lange brutal aufeinander ein, bis ein Sieger ausgemacht ist oder die Polizei eingreift. Der Zuschauer erkennt, daß der Tritt, der dem Fußball galt, nur eine Übung war, für den Tritt, der jetzt dem gleichgesinnten Gegner gilt.

Der Film selbst leistet diese Erkenntnis allerdings nicht: Tenner sieht offenbar keinen Zusammenhang zwischen den konkreten Gewaltexzessen der Hooligans und dem Fußballspiel, in dessen Umfeld sich die Prügeleien abspielen. Mit der Marginalisierung des Sportes umschifft der Film die brisante Frage, wie dieser Einfluß auf das Verhalten seiner Anhänger nimmt. Wenn Tenner ihre Interviewpartner fragt, wie denn das Gefühl sei, wenn sie mit ihrem Verein losziehen, verschwimmt die Grenze zwischen Prügelmob und Fußballverein zusehends. Während sie dem Befragten mit ihrer mangelnden Differenzierung weit entgegen kommt, entgeht dem Zuschauer eine spannende Kontroverse. Die massenmediale Tabuisierung seines Themas und der seiner Protagonisten, die der Film zurecht versucht aufzubrechen, rührt eben daher, daß die Taten dieser Männer so schwer mit dem spielerischen Charakter des Sports in Einklang zu bringen sind. Der Fan, der in der Gemeinde versucht, das Spiel durch seine Aktivität zu beeinflussen, kann vor dem Spiel durchaus als brutaler Hooligan Teil einer entfesselt aufeinander zustürmenden Doppelmasse sein. Der Film interessiert sich allerdings für etwas anderes. Tenner stilisiert die Hooliganszene zu einem der letzten Refugien verlorengegangener Männlichkeit. Ihre Auffassung von Maskulinität ist dabei rein physisch bestimmt, wobei das leere Aufeinandereinprügeln zum ehrlichen Kampf erhoben wird, der fernab jeder politischen Motivation stattfindet und dem damit Legitimität zugesprochen werden soll. Die ständig disziplinarisch bzw. mehr oder weniger zivilisatorisch eingreifende Polizei nimmt an dem Szenario nur als Störfaktor oder Feindbild teil.

Eine Schlüsselszene des Films, die ständig wiederholt und von neuem diskutiert wird, zeigt dann auch, wie ein junger, eher milchgesichtiger Anhänger von Chemie Leipzig am Hauptbahnhof von fünf Polizisten im Kampfanzug niedergerungen wird, weil er sie beleidigt haben soll. Der junge Mann beteuert seine Unschuld und bittet darum, daß die Beamten auf seine Mütze achtgeben. Diese Szene, die plakativ und vor allem völlig zusammenhanglos die übertriebene Staatsgewalt zeigt, ist Sinnbild für die von Beginn an offensichtliche Positionierung dieser Dokumentation. Zum Schluß erfahren wir, daß diese Lappalie dem Hooligan, der zusammen mit seiner Mutter die Szene ausgiebig kommentieren darf, eine mehrjährige Haftstrafe eingebracht hat, weil sie einen Verstoß gegen seine Bewährungsauflagen dargestellt hatte. Leider traut die Regisseurin dem Zuschauer nicht zu, diesen Umstand selbst zu bewerten. Durch die Repetition verweist sie stattdessen dramaturgisch auf ihren eigenen Standpunkt.

Polizisten kommen bei Tenner natürlich auch zu Wort. Ein Beamter, der die gewaltbereiten Fußballanhänger in Zivil begleitet, wird gefragt, ob er seine Aufgabe wie die eines Spions versteht. Der Polizist tappt bereitwillig in die Falle und erklärt, seine Aufgaben würden denen der Abschnittsbevollmächtigten in der DDR doch sehr ähneln.

Dieser Dokumentarfilm kann durchaus klarmachen, daß die gängige Unterteilung von Fußballanhängern in die Kategorien A (normaler Fan), B (Fans mit passivem Aggressionspotential) und C (gewaltsuchende Hooligans) nicht so eindeutig ist, wie es oft dargestellt wird. Über diesen Minimalstanspruch kommt Kategorie C allerdings nie hinaus. Die bewußte Stilisierung archaisch anmutender maskuliner Gewalt bleibt unreflektiert. Wenn man es nach dem Film noch in die Extras auf der DVD schafft, sieht man die Regisseurin, wie sie über die Frage sinniert, ob denn nicht ein neuer militärischer Krieg die einzige Möglichkeit wäre, ihre Protagonisten zu befrieden. Die Instrumentalisierbarkeit der Hooligans, die sie hier unterstellt, beweist ein letztes Mal, wie wenig Tenner bereit ist, sich ihrem schwierigen Thema zu stellen. 2009-10-26 11:48

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