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Hans im Glück aus Herne 2

D 1983. R,B: Roland Gall. B: Renke Korn, Willi Tomczyk. K: Axel Brandt. S: Hanne Huxoll, Claudia Effner. M: Heinrich Huber. P: Eikon, ZDF. D: Peter Danneberg, Claudia Minervino, Frank Schlosinski, Tana Schanzara, Barbara Klein, Hildegard Wolf, Ludwig Paffrath, Dieter Pfaff.
310 Min. e-m-s ab 31.8.09

Sp: Deutsch (DD 2.0). Bf: 1:33:1. Ex: Tagebuch – Ein Bericht nach den Dreharbeiten, 30 Jahre danach – Eine Dokumentation, Filmmusik, Bildergalerien, Biographien und Filmographien, Originaltrailer.

Die Zechen sind tot, die Menschen leben

Ein kleines Ruhrpott-Juwel, die Miniserie Hans im Glück aus Herne 2, ist jüngst bei e-m-s auf DVD erschienen

Von Thomas Waitz Mitte der 1970er Jahre wurde im Zuge einer kommunalen Gebietsreform aus der Großstadt Wanne-Eickel ein Stadtteil der Nachbargemeinde Herne, und fortan hieß Wanne-Eickel Herne 2. Das war zwar nur postalisch gemeint, die Einwohner erblickten in dieser Etikettierung jedoch ein Zeichen. Der Eindruck, abgehängt und zweite Wahl zu sein, prägte und bestimmte das Selbstbild der Stadt. Zur gleichen Zeit vollzog sich das, was gleichermaßen technokratisch wie leichthin »Strukturwandel« genannt wird. Die hohe Arbeitslosigkeit war nur der konkrete Ausweis einer Lage, die im Alltag der Menschen zu einer eigentümlichen Mischung aus Schwermut, Trotz und Melancholie führte. Die Zechen waren tot, aber die Menschen lebten. Nur wie? Von diesem Leben im Ruhrgebiet Ende der 1970er, Anfang der 1980er Jahre gibt es wenige filmische Zeugnisse, die Authentizität beanspruchen können.

Eine dieser Ausnahmen ist die siebenteilige fiktionale Fernsehserie Hans im Glück aus Herne 2, die 1981 unter der Regie des Dortmunder Roland Gall entstand, sich mit dem Alltag arbeits- und perspektivloser Jugendlicher beschäftigt und nun auf DVD wieder zugänglich ist. Um es kurz zu machen: Diese Veröffentlichung ist eine Offenbarung, und zwar nicht, weil sie skurrile Wiedererkennungseffekte böte (das tut sie, ganz nebenbei, auch), sondern, weil die Serie von herausragender filmischer Qualität ist. Die Langsamkeit, das Spröde der Narration, die Treffsicherheit des Buches, die hervorragenden jugendlichen Laiendarsteller, aber auch die Präzision von Kamera und Montage wirken aus heutiger Sicht wie aus der Zeit gefallen. Der titelgebende »Hans im Glück«, das ist der von Peter Dannenberg gespielte Hans Koletka, der, kurz vor dem Schulabschluß stehend, in jeder Hinsicht erfahren muß, daß die Welt, in der er lebt, nicht auf ihn gewartet hat. Verletzlich wirkt er, wie er in Jeansjacke auf seinem Moped sitzt oder an der Trinkhalle den Tag abhängt. Mit dokumentarischem Gestus, an authentischen Schauplätzen gedreht, folgt die Kamera ihm und seinen Freunden. Es ist eine Welt, in der Erwachsene nur am Rande vorkommen, nicht, weil die Serie sich nicht für sie interessierte, sondern weil sie abwesend bleiben. So allein gelassen, stehen die Jugendlichen buchstäblich auf der Straße, trinken, rauchen und verstecken ihre Unsicherheit und Angst hinter einer rotzigen, mürrischen Aggressivität. Die Serie kennzeichnet eine große Aufrichtigkeit ihren Figuren gegenüber, beobachtet in langen Einstellungen, ohne zu werten, und erweist ihnen in ihrer Unaufgeregtheit eine Nähe, welche ihnen jene Würde zugesteht, die ihnen in der Erzählung verwehrt bleibt. Ohne um ein »Problem« oder gar eine »These« zu kreisen, ist sie damit radikal politisch.

Hans im Glück aus Herne 2 ist eine bemerkenswerte, engagierte, packende Serie, die Qualitäten besitzt, welche heutigen Programmverantwortlichen die Schamesröte ins Gesicht treiben sollte. Zugleich ist sie viel zu sperrig, zu spröde, zu wenig Event, um auf der Welle einer retrospektiv gefärbten Ruhrgebietsnostalgie mitschwimmen zu können.

Die DVD wird komplettiert durch eine filmische Spurensuche. In einer liebevollen, formal maßlosen, aber umso eindrücklicheren Dokumentation werden einige der Protagonisten aufgesucht. Was wir sehen, stimmt einigermaßen traurig. Anders als der filmischen Figur Hans ist vielen der ehemaligen Laiendarsteller eine bürgerliche Existenz verwehrt geblieben. In die Mittelschicht hat es niemand geschafft, und mancher ist regelrecht abgestürzt. Die Wiederveröffentlichung auf DVD erscheint wie ein bitterer Hinweis darauf, daß das sozialdemokratische Versprechen eines sozialen Aufstiegs, das für die politische Kultur des Ruhrgebiets lange maßgeblich war, sich letztlich nur für wenige erfüllte. Dem übriggebliebenen Rest bleibt bis heute der Kampf um noch die kleinste Würde im Alltag. Dieser Kampf, auch das macht die Wiederbegegnung mit Hans im Glück aus Herne 2 deutlich, ist jedoch einer, der heute nicht mehr geführt wird. Die Serie ist das Zeugnis der ungeheuren Vitalität einer proletarischen Kultur, deren sichtbare Zeugnisse verschwunden, ins Privatistische abgedrängt oder der Häme anheim gegeben worden sind. Sich dieser Entwicklung widersetzt zu haben, das ist der genuin filmische Verdienst von Hans im Glück aus Herne 2.
2009-10-14 12:42

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