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Gernstls Deutschlandreise

D 2008. R,B: Franz X. Gernstl. K: HP Fischer. S: Rolf Wilhelm. M: René Aubry. P: megaherz, BR.
675 Min. EuroVideo ab 19.3.09

Sp: Deutsch (DD 2.0). Ut: Keine. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Interviews, Outtakes.

Die Magie des Begegnens

Von Werner Busch Vor über 25 Jahren ging der Dokumentarfilmer mit dem vielleicht bayerischsten aller Namen, Franz Xaver Gernstl, zum ersten Mal auf Reisen durch Deutschland. Er durchquerte das Land zunächst der Länge nach, Anfang der 1980er, dann kurz nach Maueröffnung auch nach der Breite. Später, in Gernstl unterwegs und einer ganzen Reihe von Specials, bereiste er weitere Ziele, teils wieder auf zuvor definierten Touren, wie etwa in Rund um Bayern. Aber Gernstl ist kein Geomantiker, der durch das bloße Abschreiten oder Abfahren von Linien Wahrheiten zu finden hofft. Schon immer waren es in seinen Reisedokumentationen die häufig zufälligen Begegnungen mit Menschen und ihren Geschichten, die ihn und sein kleines, aber treues Publikum faszinieren.

Am Konzept seiner Sendungen hat sich auch mit der nun auf DVD erschienenen Gernstls Deutschlandreise nichts geändert. Wieder sitzt er am Steuer eines roten Busses, wieder begleiten ihn Kameramann Hans Peter Fischer und Tonmann Stefan Ravasz. Diesmal führt sie ihr Weg einmal um die Grenzen Deutschlands herum, und Abstecher ins grenznahe Gebiet der Nachbarstaaten werden gemacht. Dieses »Grenzthema« zeigt sich aber nur in vereinzelten Gesprächen und dominiert die 15 Folgen der Deutschlandreise nicht. Gernstl ist an der Begegnung mit Menschen interessiert, mit Sightseeing – das Besichtigen von Monstrositäten – haben seine Filme nichts gemein.

Was Gernstl seit jeher auszeichnet, ist sein Talent für ein Gespräch, das keiner gespielten Freundlichkeit, keiner Anbiederung bedarf. In der häufig gezeigten Zurückhaltung gegenüber den Interviewten erleben wir eine Form von Respekt, die dokumentarische Fernsehproduktionen (weder früher und erst recht nicht heute) niemals für Menschen gehabt haben. Damit wird Gernstls Sendung insbesondere in heutigen Tagen ganz besonders wertvoll. Schließlich gab es noch nie zuvor in der deutschen Fernsehgeschichte so viele dokumentarische Sendungen, häufig »Doku-Soaps« genannt, die vorgeben, das Leben »normaler Menschen« zeigen zu wollen. Tatsächlich sind diese Sendungen aber lediglich buchhalterisch exzellent kalkulierte Weiterentwicklungen von Formaten wie Richterin Barbara Salesch. Dramaturgisch aufgemacht, wenn meist auch nur im Off-Kommentar, häufig komplett gestellt. »Echte Menschen« – das sind hier solche mit dem Drang zur Selbstdarstellungsprostitution, ein verlängertes Laienspieltheater ohne Studiokosten. Erst mit dem Wissen um solche Sendungen, fern im Hinterkopf, aufgestapelt wie Gerümpel, alles auf dem Weg zur Erlösung, wird die ganz eigene, besondere Qualität und die Großartigkeit von Gernstls Deutschlandreise deutlich. Dies auch durch den gewohnt offenen Umgang mit dem Herstellungsprozeß seiner Reisefilme. Schwierige Aufnahmebedingungen werden thematisiert, Kamera- und Tonmann treten ins Bild und mischen sich ein. Was jede andere Produktion herausschneidet, wird zum essentiellen Bestandteil. Und so trifft man hier im Kleinen und Unscheinbaren, im Zufälligen und Austauschbaren auf etwas, was sich vielleicht nur mit dem hochtrabenden Wort »Wahrhaftigkeit« zutreffend betiteln läßt. 2009-08-25 10:28

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