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Flow – Wasser ist Leben

Flow: For Love of Water. USA 2008. R,K: Irena Salina. K: Pablo de Selva. S: Caitlin Dixon, Madeleine Gavin, Andrew Mondshein. M: Christophe Julien. P: The Group Entertainment, Steven Starr Productions.
92 Min. Sunfilm ab 3.4.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: keine.

Trübe Wässerchen

Von Franziska Schuster Es gibt Filme, die die Welt verändern wollen. Früher nannte man das vielleicht Propaganda, das Wort ist mittlerweile aus der Mode gekommen, und ganz so einfach ist es ja auch nicht. Ohne in den Diskurs darüber einzusteigen, inwiefern Dokumentarfilme durch Interaktion mit ihrem Objekt die Neutralität verlieren, hier eher die Frage: Wenn ein Dokumentarfilm das Ziel hat, etwas zu verändern, wenn er die filmischen Mittel einer deutlich lesbaren Botschaft unterordnet – wie kann dann ein filmkritischer Ansatz aussehen?

An der guten Absicht Irena Salinas, die sich mit ihrem Film Flow für den Schutz und die gerechte Verteilung der weltweiten Trinkwasserressourcen einsetzt, ist wohl kaum zu zweifeln. Weniger allerdings, weil sie fundierte und stichhaltige Argumente liefert, sondern weil sie in einem atemlosen Rundumschlag aufzeigt, daß kleine afrikanische Kinder und ahnungslose amerikanische Staatsbürger sterben, weil gierige Finanzinvestoren das »Blaue Gold« zu Geld machen wollen, daß der Bau von Staudämmen zur globalen Erwärmung beiträgt, daß die weltweiten Wasserressourcen begrenzt sind und der Verteilungskampf den Terrorismus begünstigt.

Wer sich für leidende Kinder und die Aufklärung der Bevölkerung einsetzt, hat zunächst einmal die Sympathien auf seiner Seite. Schwierig wird es, wenn dieser Bonus zugunsten einer allzu plakativen und zu stark vereinfachenden Argumentation aufs Spiel gesetzt wird, wenn zu viele Themenkomplexe an- und Statements aus dem Zusammenhang gerissen werden. Salinas Argument für diese Vorgehensweise ist, dass jede einzelne Bedrohung nur ein Gesichtspunkt des großen Problems ist, dessen Facetten nicht isoliert betrachtet werden können. Leider erschließt sich dieses Konzept jedoch nicht bei der Sichtung des Films, der in seiner esoterischen Anfangssequenz versucht, den Zuschauer darauf einzuschwören, sich als Teil eines großen Kreislaufs zu fühlen, dann aber schnell den roten Faden verliert und eher wahllos zwischen den Schauplätzen hin- und herspringt. Salina läßt sich zu einer flotten und emotional aufgeladenen Montage hinreißen und liefert damit weniger einen fundierten Hintergrunddokumentarfilm, sondern eine zur Aufrüttelung gedachte, schockierende Komposition, eine auf den amerikanischen Fernsehzuschauer zugeschnittene Handlungsanweisung (vor allem in Richtung zivilgesellschaftlichen Engagements); allzu durchsichtig kehrt die Argumentationskette stets wieder zu dem Punkt zurück, an dem sie auch beginnt – die Betonung der Gesundheitsgefahr für Menschen in reichen Industrieländern soll sicherstellen, daß diese an einem empfindlichen Punkt erwischt und dadurch emotional involviert bleiben.

Daß der Film zahlreiche Preise auf großen Festivals gewonnen hat und unter anderem vor den Mitgliedern der UN im Rahmen der 60-Jahr-Feier der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gezeigt wurde, spricht letztendlich wohl weniger für dessen filmische Qualität, sondern vor allem für die Konsensfähigkeit – und die nicht zu leugnende Brisanz – des Themas, das er weniger vertieft als illustriert. Der Audiokommentar, den die Regisseurin im Gespräch mit ihrer Editorin eingesprochen hat und der auf der DVD als Extra angeboten wird, vermittelt zudem ein Gefühl für den großen persönlichen Einsatz der Filmemacherin, der ihr Werk wiederum mehr in den Menschenrechts- als den Filmkontext stellt. Die Autorin ist unentschieden: Sie will eine allzu reißerische und mitunter unseriös anmutende Dokumentation kritisieren, ihr aber zugleich hohe Priorität bescheinigen. Kritische Distanz empfohlen.
2009-06-19 11:22

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