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Der Champagner Spion

D/IL 2007. R,B: Nadav Schirman. K: Itai Ne'eman. S: Joelle Alexis. M: Ran Bagno. P: Lichtblick Film- und Fernsehproduktion.
90 Min. Neue Visionen ab 12.5.09

Sp: Deutsch, Hebräisch (DD 2.0). Ut: Englisch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Interview mit Schirman und Gur-Arie.

Sein Name war Lotz, Wolfgang Lotz

Von Sarah Sander »Wenn Sie mehrere Jahre eine Rolle spielen, 24 Stunden am Tag, und die Identität eines anderen Menschen annehmen, dann bleibt Ihnen gar nichts anderes übrig, als sich tatsächlich in diesen Mann zu verwandeln und so zu denken und zu fühlen wie er«, antwortet Ze'ev Gur Arie im Interview in einer israelischen Talkshow Ende der 1960er Jahre. Mit dieser Aussage des »Champagnerspions«, die dem Film vorangestellt ist, ist das Thema von Nadev Schirmans Dokumentation gleich zu Beginn kurz und präzise umrissen: Es geht um das Spannungsfeld zwischen Privat- und Spionageidentität des ehemaligen Mossad-Agenten, mehr als um die James Bond ähnlichen Geschichten, die nichtsdestotrotz den Reiz der Thematik ausmachen. Jahrelang hat Ze'ev Gur Arie als israelischer Agent für den Mossad die deutsche Wissenschaftselite in Ägypten ausgekundschaftet, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg dorthin abgesetzt hatte und die der ägyptische Präsident Nasser zur »Entwicklungshilfe« seiner Raketenprogramme engagierte. Der deutschstämmige Gur Arie, dessen Eltern in den 1930er Jahren nach Israel emigriert waren, ging 1962 als Wolfgang Lotz nach Kairo, gab sich als Ex-SS-Offizier aus und gründete ein Pferdegestüt. So hatte er besten Zugang zu den elitären Kreisen der deutschen Wissenschaftler und des ägyptischer Militärs, wie »Shmuel«, der damalige Leiter der Mossadschule für Spezialeinsätze, im Interview mit Schirman meint. Auf die Talkshowfrage nach Schwierigkeiten bei der Identifikation mit seiner Deckidentität erwidert Ze'ev Gur Arie: »Wer das nicht kann, hat in diesem Job nichts verloren.«

Doch hier beginnt das Problem, das der Film fokussiert: Nicht nur, daß der »Champagnerspion« sich so sicher in seiner Ex-Nazi-Identität gefühlt habe, daß er sich für undurchschaubar hielt – was vielleicht zu seiner Ergreifung beigetragen habe, wie der damalige Leiter des Mossad spekuliert. Nicht nur, daß er sich so sehr in dem Luxusleben als Millionär und Pferdezüchter mit internationalen Verbindungen und ausschweifenden Partys eingerichtet hatte, daß er den Schritt in die zivile Identität nach seiner Agentenzeit nicht ertrug. Ze'ev Gur Arie lebte schon während seines Einsatzes in Ägypten so vollkommen in seiner Deckidentität, daß er die Deutsche Gertrud Naumann nicht nur heiratete, um seine Tarnung zu perfektionieren, sondern sie wohl auch liebte – ohne, daß seine israelische Frau Rivka und sein Sohn Oded irgendetwas davon erfuhren. Der Mossad gestattete ihm, ein reales Doppelleben zu führen, wofür die Interviewten kritisch mit sich ins Gericht gehen. Auch das ist eine der Überraschungen dieses Dokumentarfilms: daß leitende Mossadfunktionäre aus den 1960ern nicht nur offen über den Ägypten-Einsatz Ze'ev Gur Aries berichten, sondern auch die eigene Politik vor laufender Kamera leise kritisieren.

Nadav Schirman verknüpft die verschiedenen Ebenen und Stränge der Agentengeschichte um Wolfgang Lotz zu einer spannenden Dokumentation der fatalen Entwicklung von Gur Aries Doppelidentität. Er verwebt private 8- und 16mm Aufnahmen der Gur Aries mit Fotos aus Paris, Bildmaterial von Lotz aus Ägypten und Fernsehinterviews aus den 1960ern zu einer materialreichen Melange aus Spionage- und Familiengeschichte. Zusammengehalten wird die Collage von Interviewsequenzen, die Nadav Schirman mit Oded, dem heute 55jährigen Sohn Ze'evs, mit hochrangigen Mossad-Offizieren und dem damaligen deutschen Konsul Kairos geführt hat. Die Vignettenframes, gedeckten Farben und Fäden im flackernden Bild der 1960er (die sich ebenso in Automodellen, Kleidern, Gesten und Rollenmustern spiegeln) berichten von der privaten und der erfolgreichen Zeit des Mossadagenten, das Schwarzweiß der Fotos und Fernsehaufnahmen aus Paris, Israel und Ägypten steuert einen offiziellen Aspekt der Geschichte bei. Die hochaufgelösten HDV-Bilder der aktuellen Interviews und Parisimpressionen dagegen verbinden die Zeitcollagen zu einer kausalen Spionage-Dokumentation, die das Handwerk Schirmans erkennen läßt: Bevor er mit dem Champagnerspion seinen ersten Langfilm realisierte, arbeitete Nadav Schirman als Werbefilmer in Tel Aviv. Die rhythmische Montage, unterlegt von Swing- und Acid-Jazz, die oft schnellen Schnitte, die vielen Splitscreens, Zooms und Digitalunschärfen machen den Champagnerspion zu einer ästhetisch ebenso ansprechenden wie spannenden Dokumentation. Daß diese israelisch-deutsche Koproduktion, die zwar große Erfolge auf internationalen Festivals gefeiert hat, aber nie regulär in deutschen Kinos lief, jetzt auf DVD erhältlich ist, ist Good!Movies zu verdanken. Bleibt nur abzuwarten, was aus dem Drehbuch wird, das Nadev Schirman für eine Münchner Produktionsfirma erarbeitet haben soll.
2009-06-26 11:40

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