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Invasion – Angriff der Körperfresser

Infection. USA 2005. R: Albert Pyun. B: Cynthia Curnan. K: Jim Hagopian. S: Chris Burkhalter, Ken Morrisey. M: Anthony Riparetti. P: Filmworks. D: Jenny Dare Paulin, Morgan Weisser, Alan Abelew, Tony Stewart, Don Keith Opper, Norbert Weisser u.a.
76 Min. Epix ab 24.4.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 5.1). Ut: Keine. Bf: 1.78 : 1 anamorph. Ex: Teaser.

Zombie-Avantgarde

Von Werner Busch Während irgendwo im Wald die Überreste des Westwalls auch weiterhin von milderem Wetter träumten, starrte ich angestrengt durch die Windschutzscheibe auf die Landstraßen im Scheinwerferlicht. Nacht und Ortsunkenntnis hatten dazu geführt, daß ich mich auf den Höhenzügen eines deutschen Mittelgebirges verfahren hatte. Die Landstraßen wurden zu Feldwegen. Ich passierte Orte mit Namen wie »Wässerchen« (fünf Häuser) oder »Fuchswiese« (zwei Häuser). Die Erinnerung an dieses Bild, an die von Scheinwerfern erhellten Feldwege, an das angestrengte Blicken, das Suchen von Zeichen, mußte sich bei der Sichtung von Albert Pyuns Invasion – Angriff der Körperfresser zwangsläufig und mit Gewalt aufdrängen, besteht der Film doch (nahezu) ausschließlich aus einer scheinbar ungeschnittenen Einstellung, die genau das zeigt: Feldwege bei Nacht im Scheinwerferlicht. Es ist das Überwachungskamerabild eines amerikanischen Polizeiwagens. Unser Deputy fährt durch eine unverschämt ländlich wirkende Pampa, Meteoritenschauer gehen hernieder, darin fiese interplanetarische Tierchen, die von den vielzähligen Leuten, die mitten in der Nacht irgendwas auf dieser weiten Flur zu suchen haben, Besitz ergreifen. Die Infizierten unterhalten sich fortan in außerirdischer Sprache, die überwiegend aus rückwärts abgespieltem Englisch besteht.

Die durch den deutschen Verleihtitel suggerierte Zugehörigkeit zur Reihe der Körperfresser-Filme, am prominentesten mit Philip Kaufmans großartigem Paranoia-Thriller Invasion of the Body Snatchers vertreten, ist lediglich vorgetäuscht. Mit den floralen, heimlichen Invasoren, haben die interplanetarischen Krebstiere hier nicht viel gemein. Der Film scheint sein Erscheinen vielmehr formalen Vorbildern wie Cloverfield oder Diary of the Dead zu verdanken. Was allerdings nur halb richtig wäre, denn als Invasion – Angriff der Körperfresser in den USA Ende 2007 mit beiden genannten Filmen erschien, befand er sich bereits seit zwei Jahren als Infection in der Schublade eines Giftschranks. Insofern war Regisseur Pyun also seiner Zeit und damit den Blair Witch Project-Epigonen, voraus.

Eine nicht unwesentliche Schwäche dieser Filme hat Invasion – Angriff der Körperfresser nicht: Er ist, was seine erzählerische Perspektive angeht, kompromißlos. In Romeros Zombie-Nachklapp halten die Protagonisten auch dann noch mit der Camcorder auf das Geschehen, wenn ihre Freunde gerade direkt vor ihrer Nase angegriffen und getötet werden. Und in Cloverfield wurde die Videokamera nur dann eingeschaltet, wenn sich dadurch dramaturgisch etwas Sinnvolles ergab. Die eingenommene Erzählperspektive wurde spürbar zu einem visuellen Effekt reduziert. Pyun tut das nicht. Und da es auch bei den Aufnahmen anderer Überwachungskameras »Längen« gibt, sind diese notwendigerweise auch hier vorhanden. Man sollte sich mit dem Gedanken anfreunden, minutenlang, ausschließlich und einfach nur, einem Auto beim Fahren zuzuschauen – ohne das Auto zu sehen, versteht sich.

Außer physisch-schmerzhafter Langeweile bietet Invasion – Angriff der Körperfresser noch gräßliche Darsteller (die erkälteten Synchronsprecher der deutschen Fassung sind überaus passend) und visuelle Effekte aus der Amateurfilmliga – was den Film für hartgesottene Trash-Fans schon wieder andeutungsweise unterhaltsam machen könnte. Das eigentliche Highlight ist aber der Abspann: Man glaubt es nicht, wenn man es nicht gesehen hat, aber obwohl nur eine Handvoll Menschen an diesem Film mitgewirkt haben, hat man es geschafft, den Abspann auf 16 Minuten zu dehnen – mutmaßlich um auf die spielfilmartige Laufzeit von 76 Minuten zu kommen.

Albert Pyun, bekannt durch Cyborg mit Jean-Claude Van Damme und die Nemesis-Reihe aus den 1990ern, steht insbesondere bei deutschen Videotheken-Stammfreiern im Ruf eines Trash-Meisters mit Anspruch. Das ist nicht unrichtig. Bei Pyun trifft eine zuweilen eigene filmische Handschrift auf philosophische, inhaltliche Tendenzen, alles natürlich im Rahmen von »Bad-Movies«. Pyun macht schlechte Filme, das aber mit Hingabe oder wie hier mit Mut zum avantgardistischen Experiment. Invasion – Angriff der Körperfresser – obschon als Spielfilm eine absolute Katastrophe – ist ein Filmkunstwerk: sehr eigen, sehr unterbudgetiert, sehr andersartig und daher in aller Scheußlichkeit nicht uninteressant. Als Videoinstallation in einem namhaften Kunstmuseum käme niemand auch nur auf die Idee, sich über diesen Film zu mokieren.
2009-04-30 12:45

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