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The Wild Angels

USA 1966. R: Roger Corman. B: Charles B. Griffith. K: Richard Moore. S: Monte Hellman. M: Mike Curb. P: American International Pictures. D: Peter Fonda, Nancy Sinatra, Bruce Dern, Diane Ladd, Buck Taylor, Norman Alden, Michael J. Pollard, Lou Procopio u.a.
82 Min. Pierrot Le Fou (Al!ve) ab 20.2.09

Sp: Deutsch, Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 2.35:1 anamorph. Ex: Trailer.

There’s Nowhere to Go

Von Esther Buss In Roger Cormans The Wild Angels (1966) ist viel von der Verwandtschaft zwischen Bikerfilm und Western zu spüren. Denn das 1966 entstandene Exploitation-Movie über eine Horde anarchistischer Biker erinnert in vielerlei Hinsicht an die mythischen Erzählungen über legendäre Outlaw-Banden zur Zeit des Wilden Westens – mit dem hauptsächlichen Unterschied, daß die Pferde durch schwere Maschinen ersetzt wurden. Auf die gleichermaßen progressive wie reaktionäre Qualität der Biker-Kultur hatte zeitgleich auch der amerikanische Autor und »Gonzo«-Journalist Hunter S. Thompson hingewiesen. In seinem Reportagebuch über die Hell’s Angels, für das er ein ganzes Jahr bei den Rockern verbrachte, heißt es: »Die Idee des ‚Motorrad-Outlaws’ war so uramerikanisch wie der Jazz. Etwas wie sie hatte es noch nie gegeben. In mancher Hinsicht schienen sie eine Art Anachronismus zu sein, ein Überbleibsel aus der Epoche des Wilden Westens. In anderer Hinsicht aber waren sie so neu wie das Fernsehen.«

In Cormans Film finden die klassischen Wild-West-Aktivitäten der Banditen (Überfall, Lagerfeuer, Saloonbesuch) eine zeitgemäße Übersetzung. The Wild Angels ist im Wesentlichen ein schnelles, hektisches und lautes Durcheinander aus Motorradfahren, Drogen, Schlägereien und sexueller Übergriffe. Irgendwo dazwischen eine Handlung, in deren Zentrum ein charismatischer Anführer mit dem schönen Namen »Heavenly Blues« steht. Peter Fonda spielt ihn mit stoischer Supercoolness, drei Jahre vor dem psychedelischen Kultfilm Easy Rider. Doch wo dieser idealistisch den Traum von der großen Freiheit beschwören wird, haben die Antihelden in The Wild Angels nur verrohten Nihilismus zu bieten. Auf der wüsten Trauerfeier für einen verstorbenen Angel namens Loser, wird die Gewalt der Angels als reiner Selbstzweck entlarvt. Bedeutend viel zu sagen hat Blues jedenfalls nicht auf die Frage des Pfarrers, was eigentlich ihr Ziel sei: »We want to be free to do what we want to do«, heißt es nur in seiner phrasenhaften Rede, die eher nach vager Spaßguerilla klingt als nach gesellschaftlicher Rebellion: »We’re gonna have a good time. We’re gonna have party.« Diese Party artet dann auch richtig aus. In der Kirche kommt es zu Gepöbel, Gesaufe und Gedroge, Prügeleien zwischen Hakenkreuzflaggen – der Film setzt diese Nazi-Symbole eher beiläufig ins Bild, was natürlich erst recht provozierend wirkt – und Losers Witwe wird inmitten des orgienhaften Irrsinns von zwei Bikern vergewaltigt. Nicht mal der Verstorbene findet seinen Frieden, er wird aus dem Sarg gezerrt und in die Partygesellschaft gepflanzt, während sein eigentlicher Platz vom gefesselten Pfarrer eingenommen wird. Ganz am Ende, bei Losers Beerdingung, zeigt sich »Heavenly Blues« dann als ein Wiedergänger des von Marlon Brando gespielten Ur-Bikers in The Wild One. Als dieser dreizehn Jahre vorher gefragt wurde, wohin er aufbreche, antwortete er noch mit der Attitüde des Gelangweilten: »Just have to go.« Blues läßt dagegen resigniert seine Gang alleine weiterziehen: »There’s nowhere to go.«
2009-04-09 12:04

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