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Das verschwundene Zimmer

The Lost Room. USA 2006. R: Craig R. Baxley, Michael Watkins. B: Laura Harkcom, Christopher Leone, Paul Workman. K: David Connell. S: Sonny Baskin, David Crabtree. M: Robert J. Kral. P: Lions Gate Films. D: Peter Krause, Julianna Margulies, Peter Jacobson, Dennis Christopher, April Grace, Elle Fanning, Ann Cusack u.a.
270 Min. Galileo Medien ab 1.6.08

Sp: Deutsch (DD 2.0), Englisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 16:9 anamorph. Ex: Keine.

Feile, Schlüssel, Schere, Licht

Von Daniel Bickermann Man kennt magische Objekte in Fantasyfilmen ja zur Genüge: verzauberte Schwerter, magische Münzen, verfluchte Bücher. Es sind Gegenstände von intrinsischer Rätselhaftigkeit, die ein hohes Assoziationspotential mitbringen. Wenn also in The Lost Room der etwas sehr normale Cop mit dem etwas sehr normalen Namen Joe Miller einen Schlüssel findet, der alle Türen öffnet, glaubt man sich auf ausgetretenen Pfaden. Doch Geduld, die Fernseh-Miniserie des SciFi-Channels, die nun auch hierzulande als Leih-DVD erschienen ist, hat weit mehr zu bieten als eine etwas mystisch angehauchte Ausgangssituation.

Denn was als klassischer Mystery-Plot beginnt, wird über seine dreimal 90 Minuten immer elaborierter und auch immer haarsträubender. Schließlich ist der Schlüssel nur, nun ja, ein Schlüssel eben, zum titelgebenden Motelzimmer, und das bietet endlosen Nippes mit teils skurrilen physikalischen Zauberkräften. Von magischen Türen oder Schlüsseln mag man gehört haben, aber ein Busticket, ein Kugelschreiber, eine Nagelfeile, ein Mantel, eine Brille? Erstaunlich, wie einfach diese Serie unscheinbare Alltagsgegenstände zu Objekten einer überirdischen Realität verklärt, die von rivalisierenden Personen und Sammlergruppen gehandelt, gestohlen und versteckt werden wie Reliquien. Die Hingabe und der heilige Ernst, mit dem von »der Zahnbürste«, »dem Wecker« und »dem Kamm« gesprochen wird, wirkt anfangs grotesk, steckt aber bald an – schließlich töten alle Beteiligten nur zu gerne, um eines der »Objekte« in die Hände zu bekommen. Und die Episodentitel der drei Teile – »Der Schlüssel und der Wecker«, »Der Kamm und die Schachtel« und »Das Glasauge und das Hauptobjekt« – erfüllen bald auch den Zuschauer mit einer gewissen Ehrfurcht.

Daß die für solche Plots so wichtige »suspension of disbelief« nicht ins Lächerliche abrutscht, ist auch der durchgehend guten Besetzung zu verdanken: Mit Peter Krause, Julianna Margulies, Dennis Christopher und Chris Bauer gibt sich die Crème des zeitgenössischen amerikanischen Fernsehens hier die Türklinke (und den dazu passenden Schlüssel) in die Hand. Die jüngere Fanning-Schwester Elle gibt dazu den drolligen McGuffin (gottseidank wird die Vater-Tochter-Beziehung zwischen ihr und Krause nicht allzu übersüßt). Aber auch Filmgrößen wie die immer glänzenden Ewan Bremner und Kevin Pollack mischen hier mit, dürfen durchaus als Gütesiegel gelten und spielen keineswegs auf Autopilot, weil es sich »bloß« um eine Fernsehproduktion handelt. Gerade Pollack kann als enervierter, schmieriger Großmogul glänzen, der für seine Objektesammlung über Leichen geht. Dazu passend sind Design und Look zwar nicht gerade bahnbrechend, aber doch deutlich auf Kinoniveau.

Vor allem aber ist The Lost Room ein schönes Beispiel dafür, daß manche Filmhandlungen, die auf 90 Minuten haarsträubend albern wirken würden, auf 270 Minuten und mit einer Fülle faszinierender Seitenstränge und Nebencharaktere wirklich lohnenswert sind. Die nach dem erfolgversprechenden Modell der modernen Aufgabenverteilung auch als Produzenten fungierenden Autoren Paul Workman, Laura Harkcom und Christopher Leone dürfen eine ganze Reihe wunderbar ausgeführter Nebenfiguren über den Bildschirm treiben lassen, allesamt glaubhafte Objektesammler, die an ihren neugefundenen Fähigkeiten und Abhängigkeiten verzweifeln, aufleben oder verrückt werden.

Und sie haben Zeit, ihre Geschichte zu Ende zu denken, ohne allzu einfache Abkürzungen nehmen zu müssen. Denn in seinem Kern ist The Lost Room Fantasy in seiner klügsten Form: Man geht von einer kleinen Logik-Anomalie aus und rechnet durch, wie sie das Universum verändert. Denn natürlich ist es mit ein paar magischen Objekten nicht getan. Wie lange gibt es diese Gegenstände schon? Kann man sie zerstören? Kann man sie tauschen, verkaufen, finden, stehlen? Kann man sie vielleicht in Kombination miteinander benutzen? Wie verändert sich ein Mensch, der seit zehn Jahren mit einer magischen Nagelfeile lebt? Welche Gesetze herrschen innerhalb des Motelzimmers? Was geschah in diesem Ursprungsraum? Und gab es vielleicht einen Bewohner dieses Zimmers? All diesen Fragen spürt das Drehbuch nach und schafft so aus einer nicht gerade originellen Grundidee ein stimmiges Universum an Kräften und Gegenkräften, aus Geheimgesellschaften und Wunderglauben, aus exzentrischen Spinnern und ganz normalen Menschen.

Natürlich kann sich so eine Miniserie nicht ganz mit HBO-Miniserien auf Kinoniveau wie Angels in America, Empire Falls oder John Adams messen; und natürlich bleibt The Lost Room wie jede Geschichte, die mit der mystischen Überschreitung von Naturgesetzen arbeitet, vor kleineren Logikfehlern nicht gefeit; und natürlich fällt die letztendliche Auflösung dieses Plots, der von seiner Natur aus an jeder Wendung von einem elaborierten deus ex machina abhängt, ein wenig unbefriedigend aus. Aber auch wenn der Weg hier lohnenswerter war als das Ziel, so bleibt The Lost Room doch überdurchschnittliche und schwer unterhaltsame Mysterythriller-Ware mit vielen überraschenden und bewundernswerten Momenten für Leute, die beim Filmeschauen gerne mitdenken. 2009-03-05 15:20

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