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The Wicker Man

GB 1973. R: Robin Hardy. B: Anthony Shaffer. K: Harry Waxman. S: Eric Boyd-Perkins. M: Paul Giovanni. D: Christopher Lee, Roy Boyd, Aubrey Morris, Russell Waters, Walter Carr, Ingrid Pitt u.a.
100 Min. Kinowelt ab 23.1.09

Sp: Englisch (DD 5.1, 1.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Kürzere US-Fassung, Dokumentarfilm, Interview, Einführung u.a.

Ethnologischer Heimathorror

Von Stefan Höltgen Zu keiner Zeit waren Horrorfilme, die den Konflikt zwischen Gut und Böse auf einer religiösen Ebene austragen, so populär wie in den 1970er Jahren. Das Vorspiel dazu bildete Roman Polanski 1968 mit seinem Film Rosemary's Baby. Ihm folgt 1973 William Peter Blattey mit The Exorcist und drei Jahre später, 1976 startet Richard Donner den ersten Teil der Omen-Filme. In allen diesen überaus erfolgreichen Horrorfilmen geht es um die Wiedergeburt des Teufels in einem Kind, dem Inbegriff christlicher Unschuld. Alle drei Filme schöpfen ihren Horror also aus der christlichen Mythologie, indem sie deren Motive inszenieren und dabei der zutiefst christlichen Logik verhaftet bleiben. Im selben Jahr wie The Exorcist erscheint in Großbritannien der Debütfilm Robin Hardys, The Wicker Man, der sich nicht nur dieser Logik, sondern auch der kompletten Ästhetik des so genannten »Okkult-Horrorfilms« entzieht und avanciert dadurch zu einem alternativen Geheimtip, der bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.

Hier ist es nicht der Teufel, der sich gegen die gesamte Christenheit stellt, sondern genau andersherum, ein überzeugter Christ, den es in die Gefilde einer Gesellschaft von Häretikern verschlägt: Der Polizist Sergeant Howie wird auf eine kleine Insel vor der englischen Küste geschickt, weil dort ein zwölfjähriges Mädchen als vermißt gemeldet wurde. Anfangs will niemand das Mädchen kennen – nicht einmal die Mutter bekennt sich zu ihr. Doch die Anzeichen, daß das Kind ermordet wurde, verdichten sich, und durch seine Ermittlungen erreicht es Howie, daß die Bewohner nach und nach zugeben, daß das Mädchen eine der ihren ist. Als Howie auf den exzentrischen Grafen Lord Summerisle trifft, wird ihm langsam klar, daß auf der Insel, die – es ist kurz vor dem 1. Mai – ohnehin seltsame, unchristliche Bräuche und Traditionen pflegt, gotteslästerliche Dinge zugehen. Offensichtlich wird ein gewaltiges Opferfest vorbereitet, welches die Götter des Wetters und der Erde wieder mit den Insulanern versöhnen soll. Und das Mädchen, das zunächst als vermißt, dann als tot angenommen wurde, scheint in Wahrheit als Menschenopfer dargebracht werden zu sollen. Howie, der nun alles daran setzt, das Verbrechen zu verhindern, übersieht dabei die Zeichen, die ihn selbst in den Untergang führen.

Daß The Wicker Man ein Horrorfilm ist, läßt sich allenfalls vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und damit vor allem Glaubenskonventionen seiner Entstehungszeit argumentieren. Der christliche Wertekanon gestattet zwar das Opfer; die neutestamentarische Praxis hat dieses Opfer jedoch vom konkret-körperlichen in den symbolischen Bereich verschoben. Blutopfer und erst recht Menschenopfer passen allenfalls zu einem alttestamentarischen Gott. Die Gesellschaft von Summerisle versteht sich jedoch weder als christlich noch überhaupt als monotheistisch. Nach der Besiedlung der Insel und ersten Hungersnöten habe man sich vom Christentum ab- und wieder »den alten Göttern« zugewandt. Die praktizierte Religion ist frei von allen symbolischen Handlungen, ganz Animismus: In jedem Aspekt des Lebens wird das Wirken eines der zahlreichen Götter gesehen, dem auf ganz verschiedene Weise, jedoch immer in Form von Zeremonien, gehuldigt wird. Entscheidend ist dabei das Motiv der Fruchtbarkeit, das sich von der Ernte bis hin zur tierischen und menschlichen Fortpflanzung zieht. Daher ist dieser besondere Zeitraum im Frühjahr, zu dem der Sergeant auf die Insel kommt, auch von etlichen Fruchtbarkeitsriten angefüllt, die den Christen in ihrer Direktheit und »Schamlosigkeit« abstoßen. Erwachsene wie Kinder scheinen jetzt alle nur »das Eine« im Sinn zu haben.

Als Zuschauer stehen wir dem Treiben in The Wicker Man seltsam neutral gegenüber; so recht will uns der Protest des Sergeant gegen die von ihm so vehement kritisierten Heiden nicht einleuchten. Zu harmonisch scheint deren Lebenspraxis, zu sehr bekommen sie recht durch ihren speziellen Gemeinschaftssinn. Lord Summerisle verlacht die naiven, von bloßer Indoktrination geprägten Überzeugungen des »christlichen Invasoren«, und dieser selbst sieht sich mit seinem Moralkodex mehr und mehr auf verlorenem Posten – bis zu dem Zeitpunkt, als ein Menschenleben in Gefahr ist, denn hier greift eine Ethik, die über bloßer Religionspraxis steht. Und genau hier ist auch der »Horror« des Films angesiedelt – zugegeben: ein nur noch sehr kleines Refugium für einen Film dieses Genres, wenn The Wicker Man denn überhaupt ein Horrorfilm ist. Er erscheint uns vielmehr als ein Hybrid aus Heimatfilm, Musical und ethnologischer Fiktion. Gerade die den Plot immer wieder begleitenden Gesangs- und Tanzeinlagen beschwichtigen, ja bezirzen den Zuschauer nahezu.

Die Inszenierung und filmtechnische Ausführung sind ganz dem also doch eher heiteren Sujet verpflichtet. Der Point of View ist zwar auf der Seite des Sergeant, jedoch nur was die Faszination und das Befremden angeht. 1973 mag die Gesellschaft von Summerisle vielleicht noch eine horrible Utopie sein – doch gerade ein Blick auf den »Director's Cut« offenbart dem heutigen Zuschauer, wie stark die religiöse Verblendung auf Seiten des Sergeant ist. Man kann gar nicht anders, als ihn als einen störenden Fremdkörper zu empfinden, so sehr stellen die Musik und die Bilder der Insel ein Gegengewicht zu seiner steten Ernsthaftigkeit dar. Daß sich das alles zwar am Rande, aber doch immerhin im Geltungsbereich des aufgeklärten Westens abspielt, verleiht dem Film einen nicht zu verkennenden kritischen Impetus. Anders als andere Okkult-Horrorfilme der 1970er Jahre wird The Wicker Man durch seine Ästhetik und sein Sujet »zeitlos«. Der Film scheint sogar mit zunehmendem Alter aktueller zu werden – wie anders wäre zu erklären, daß er zuerst 2006 unter der Regie von B-Horrorfilmer Neil LaBute ein zugegeben ziemlich klägliches Remake und dann 35 Jahre nach seinem Erscheinen eine abermalige Reinkarnation auf DVD erfährt?

Es ist jedoch auch filmhistorisches Interesse am Werk. Zuerst hat The Wicker Man 2001 bei Anchor-Bay eine Special Edition erfahren, die beide Versionen des Films vereinte, und nun hat auch Kinowelt eine Doppel-DVD auf den deutschen Markt gebracht: eine Kinoversion mit 88 Minuten und eine »Director's Cut«-Version mit ca. 100 Minuten Lauflänge. Die längere Fassung enthält neben einem ausführlichen Prolog, der die zentrale Figur des Films als strenggläubigen Christen einführt, einige kleine Szenenergänzungen sowie einen anderen Aufbau, der die Logik des Plots wesentlich besser verdeutlicht als der Kino-Zusammenschnitt. Leider liegt bei Kinowelt diese »Director's Cut«-Fassung nur in sehr schlechter Bild- und Tonqualität vor: Das Bild ist blaß und verrauscht, der Ton mono und dumpf. Insofern ist die Ergänzung der Edition um die Kinofassung durchaus nicht nur aus editionsphilologischen Gründen sinnvoll. Beide Fassungen sind jedoch unsynchronisiert und mit optionalen deutschen Untertiteln ausgestattet. Zudem ist in der Edition der Dokumentarfilm The Wicker Man Enigma sowie ein Interview mit Robin Hardy und Christopher Lee enthalten. 2009-01-21 13:24

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