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Versprich es mir

Zavet. F/SRB 2007. R,B: Emir Kusturica. K: Milorad Glusica. S: Svetolik Zajc. P: Fidélité Productions. D: Miki Manojlovic, Aleksandar Bercek, Ljiljana Blagojevic, Marija Petronijevic, Stribor Kusturica u.a.
123 Min. Arthaus ab 19.9.08

Sp: Deutsch (DD 5.1), Französisch (DD 5.1, DD 2.0), Kroatisch (DD 5.1, DD 2.0), Serbisch (DD 5.1, DD 2.0). Ut: Deutsch, Französisch. Bf: 1.85:1 anamorph. Ex: Fotogalerie, Trailer.

Tsane im Glück

Von Stefan Höltgen Das Werk des serbischen Regisseurs Emir Kusturica ist im europäischen Kino eine Ausnahmeerscheinung. Seit seinem internationalen Durchbruch mit dem 1995 entstandenen Underground liefert er in schöner Regelmäßigkeit Filme ab, die sich in keine Kategorie fassen lassen – oder eben nur in ihre eigene: Kusturica-Filme. Das Besondere an ihnen ist die Leichtigkeit, mit welcher der Erzähler Elemente des Märchens mit denen der Komödie mischt und dabei stets einen Blick sowohl auf die Lebensart seiner Landsleute als auch auf die wechselhafte Geschichte des ehemaligen Jugoslawiens wirft. Vor allem durch diese letzte Eigenschaft werden die Filme Kusturicas doppelbödig, denn er stellt die seit Titos Tod zerbrochene Nationalidentität des Vielvölkerstaates häufig als gewaltsames Konstrukt, diese Gewaltsamkeit aber wiederum unter dem Modus der Groteske dar.

Underground hatte dieses Thema noch zentral behandelt, der 2004 entstandene Das Leben ist ein Wunder lief ebenfalls auf eine Kriegserzählung hinaus. In Versprich es mir ist hingegen Frieden in Serbien – was nicht bedeutet, daß die Serben selbst ihren Frieden miteinander gemacht hätten. Der erste Konflikt ist bereits der zwischen Land- und Stadtbevölkerung. Der Jugendliche Tsane soll auf Wunsch seines Großvaters Zivojin, der glaubt, in Kürze sterben zu müssen, in die Stadt reisen, dort eine Kuh verkaufen, vom Geld eine Ikone des heiligen Nikolaus sowie ein Mitbringsel für sich selbst erwerben – und eine Frau finden, die er mit zurückbringt und heiratet. Der Großvater selbst bleibt indes im Dorf, restauriert eine Kirche und versucht, nicht auf seine ehemalige Verlobte Bosa, die von einem Stadt-Schnösel umworben wird, eifersüchtig zu sein. Tsane erreicht die Stadt und macht als erstes Bekanntschaft mit der Ganoventruppe um den Paten Bajo. Dieser zieht auf brutale Weise Schutzgelder ein und betreibt ein gut besuchtes Bordell, in dem die Mutter der schönen Jasna als Prostituierte arbeitet – was ihre Tochter allerdings nicht weiß. Als Tsane Jasna erblickt, weiß er sofort, daß sie die Frau ist, die er heiraten will. Nur: Wie soll er an sie herankommen? Sein Weg zu ihr führt über zwei Brüder, die mit den Mafiosi im Clinch liegen, verlangt eine heldenhafte Befreiungsaktion der Mutter aus den Klauen Bajos und mündet schließlich in einen regelrechten Kleinkrieg mit der Unterwelt der Stadt.

Kusturicas neuer Film ist so reich an filmischen Ideen, wie man es aus seinem vorherigen Werk gewohnt ist. Man fühlt sich an die Filme der Franzosen Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro erinnert, wenn der Großvater etwa seine Trickfallen rund ums Haus in Betrieb nimmt, um seinen Nebenbuhler nicht an die schöne Bosa herankommen zu lassen. Doch anders als bei den Franzosen gewinnt diese Ausstattung hier eine Funktion nicht bloß innerhalb des Plots, sondern auch im Diskurs, den Kusturica jenseits der Filmerzählung situiert. In Versprich es mir ist fast jeder Protagonist bewaffnet, und die vielfältigen Konflikte zwischen den Figuren werfen, trotz all der Witzigkeit, mit der sie inszeniert sind, ein Schlaglicht auf die Spannungen, die bis heute im ehemaligen Jugoslawien herrschen. Seinen Höhepunkt findet dieser Konflikt im Finale, der aus dem beschaulichen Dorf Zivojins ein Schlachtfeld macht: auf der einen Seite die Hochzeitsgesellschaften, in denen endlich Stadt- und Landbevölkerung in Liebe vereint werden sollen, auf der anderen Seite die Verbrecher, die lediglich Rache, Geld und Macht im Sinn haben. Daß sich der Gangsterboß Bajo vorgenommen hat, in Sarajevo ein Duplikat des World Trade Centers zu errichten und dazu die gesamte Entscheidungsriege der Stadtverwaltung in sein Bordell einlädt, ist eine bissige Fußnote des Films.

Doch auch abseits der Story ist Versprich es mir ein unglaublich vielfältiger Film, eine Synästhesie aus Licht, Farben, Kameraperspektiven und Musik. Der Sohn des Regisseurs, Stribor Kusturica, hat den Soundtrack zum Film komponiert, und die zumeist von orientalischen Klängen und der Zigeunermusik inspirierten Stücke erinnern an jene Musik, die Emir Kusturica in Das Leben ist ein Wunder und davor die Formation um Goran Bregovic für Underground und Schwarze Katze, weißer Kater erstellt hat: Flotte, beinahe hetzende Blechbläser-Kompositionen, die das Tempo der Erzählung aufnehmen und es noch weiter forcieren. Wie in einem Rausch fühlt man sich bereits nach wenigen Minuten des Films, so sehr geraten Bild, Musik und Schauspiel zu einer faszinierenden Einheit. Die Filme Kusturicas, das zeigt nun auch Versprich es mir wieder, sind ein wahres Ausbund an Lebensfreude. Daß dies so wahrgenommen werden kann, liegt gerade daran, daß in ihnen das Tragikomische, das Widersprüchliche und das Unversöhnliche stets im Vordergrund bleiben und eben nicht durch die Erzählung geglättet werden. Wenn Versprich es mir direkt nach der finalen Schießerei mit den Worten »Happy End« schließt, dann ist das weder doppeldeutig noch Ironie, sondern genauso ehrlich und unverstellt, wie all das, was in den zwei Stunden zuvor erzählt wurde. 2008-10-06 15:22

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