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Film Noir

USA 2007. R,B: D. Jud Jones. R: Risto Topaloski. K: Radan Popovic. S: Namub Elephantine. M: Mark Keller. P: EasyE Films.
96 Min. Kinowelt ab 20.6.08

Sp: Deutsch (DD 5.1, DTS 6.1 ES), Englisch (DD 5.1). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Featurettes, 2D-Version des Films, Sprachaufnahmen, Interviews u.a.

Aus bluttriefenden Männerherzen

Von Kristina Schilke Seit Mister Disneys hoppelnden, singenden Tierfantasien für sentimentale Kinder und seit Pixars fast vollständiger Übernahme dieses Sujets (wenn auch etwas unsentimentaler), scheint es so, als ob sich die Filmbranche einhellig darauf geeinigt hat, Animationsfilme seien Kindersache. In der Geschichte des Animationsgenres gibt es aber auch Meisterwerke und Publikumslieblinge, außergewöhnlich und scheinbar nur auf diese Art zu verfilmen, wie Animal Farm oder Persepolis.

In der ersten Szene des animierten Film Noir wacht in den einsamen Hügeln beim Hollywood-Schriftzug ein Mann auf, der sich an absolut nichts erinnert. Neben ihm liegt ein erschossener Mann, er selbst trägt eine Waffe, die logische Konsequenz: Er ist der Mörder. Aus dem Portemonnaie des Ermordeten schließt er, daß dieser ein Polizist war. Weit und breit nichts, nur Los Angeles funkelt schön vor sich hin bei Nacht, und ein Auto parkt in der Nähe, das Auto des Toten. Der Gedächtnissuchende leiht es sich vorerst. Noch bevor er wegbraust in die Stadt nach unten, sagt er aus dem Off: »I was the bad guy in this story«, und man hat spätestens hier den Verdacht, daß dieser Film eine Ausgeburt der Coolness sein könnte. Zu diesem Eindruck tragen auch sofort einige melancholisch, sinnlich gespielte Klaviernoten bei.

Wen der Film mit dieser Sequenz noch nicht gefangen hat, den kriegt er spätestens in der fünften Minute, da sitzt niemand mehr still bei der ersten Spannungsszene, die mit einer Flucht bei bestem schmissigem Jazz endet. Langsam beginnt man auch die Eckpfeiler der Animationstechnik zu begreifen: Während die Figuren comichaft in den Bewegungen und im Aussehen sind, bestehen die Hintergründe aus Foto- bzw. Filmaufnahmen von Los Angeles. Dazu ist alles getaucht in Schwarzweiß, selbstverständlich. In den grauen, dunklen Schattierungen der Bilder sind immer wieder farbliche Akzente gebettet: Ob es die roten Lippen einer Frau sind, die blauen Augen einer Frau, das herausschießende Blut bei Schießereien oder, sehr effektvoll, eine grüne Ampel in der verregneten Großstadtnacht.

Film Noir ist ein spätes Baby des gleichnamigen Genres aus den 1940er und 50er Jahren. Nur ist es eben mit allen möglichen Utensilien der Gegenwart versetzt worden, was bei Puristen zu Kontroversen führte, wie Autor und Regisseur Jud Jones in den eine ganze DVD füllenden Extras erzählt. Jud Jones, der unter diesem Namen gar nicht existiert (aber dazu höre man am besten das nicht uninteressante Interview im Bonus-Programm) sagt, daß von der Story bis hin zur Stimmung alles dem Film Noir-Genre nachempfunden wurde: Ein Mann, der auf der Suche nach sich selbst ist. Schießereien, eingebettet in eine deprimierende, dunkle Großstadtkulisse. Ein roter Faden des Pessimismus, der sich sowohl durch die Story als auch durch die Weltsicht schlingt. Und auch die Frauen. Jones sagt, über die weiblichen Charaktere im Film Noir hätte es einen Spruch gegeben: »If she is not a whore, she is a bore.« Ehrliche, hart arbeitende Frauen wurden eher als langweilig betrachtet, und getreu diesem Motto wollte man auch die Frauen in Film Noir gestalten – mit dem eigenartigen Ergebnis, daß sie sich nicht nur charakterlich gleichen, sondern auch beinahe identisch aussehen.

Die Brüste sind selbstverständlich riesig, scheinen aber stets der Schwerkraft einen Schritt voraus zu sein, nette Intimfrisuren nach der neuesten Mode tragen sie, und sie alle wollen: ihn. David Hudson oder Sam Ruben? Jedenfalls unseren Mann, den angeblichen Polizistenmörder. Bei der erstbesten Gelegenheit ziehen sie sich aus, und dann tut der Mann, was ein Mann eben tun muß in solchen Situationen, pflichtgetreu und immer mit laut stöhnendem Ergebnis. Selbstverständlich nehmen sich die Frauen nicht ihn, sondern sie werden von ihm genommen, so scheint hier auch die gute alte Missionarstellung die beste von allen zu sein. Film Noir ist ein echtes, herzhaftes Stück Macho-Kino.

Doch aufregen kann man sich darüber nicht wirklich, denn die augenzwinkernde Coolness der Dialoge entschädigt für ein paar begeisterte Animationstechniker, die es sehr genossen haben, Brüste zu zeichnen. Auch die Synchronstimmen im Original klingen schön geölt und haben bei jeder Figur das richtige Timbre. In den Extras erfährt man, daß Mark Keller, der Komponist des kongenialen Soundtracks, auch die Stimme der männlichen Hauptfigur spricht und gleichzeitig auch den Schlußsong »Don’t ask« aus vollem Halse brüllt. Daneben läßt sich auch in die Anfänge von Film Noir eintauchen, der ursprünglich als 2D-Animation geplant war und gezeichnet wurde. So ist die 15minütige Originalversion in nickelodeonhäßlichem 2D, ähnlich dem fünfzehnten Aufguß einer Aladin-Trickserie, enthalten.

Auf den ersten Blick scheinen diese Extras ein wahrer Gewinn zu sein, doch es fällt die Lieblosigkeit des Zusatzmaterials auf. Doch wenigstens bleibt das Schmankerl des 2D-Originals und die unumstößliche Tatsache, daß Film Noir einfach höllisch viel Spaß macht. 2008-08-18 11:15

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