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Sarabande

Saraband. S 2003. R,B: Ingmar Bergman. K: Stefan Erikson, Jesper Holmström, Per-Olof Lantto, Sofi Stridh, Raymond Wemmenlov. S: Sylvia Ingemarsson. M: Johann Sebastian Bach, Johannes Brahms, Anton Bruckner. P: Network Movie, SVT. D: Liv Ullmann, Erland Josephson, Börje Ahlstedt, Julia Dufvenius, Gunnel Fred u.a.
107 Min. Arthaus ab 25.7.08

Sp: Deutsch (DD 2.0), Schwedisch (DD 2.0). Ut: Deutsch. Bf: 1.78:1 anamorph. Ex: Dokumentation »Bergmans Regie«, Biografie über Bergman, Produktionsnotizen, Werkfotos u.a.

Familienbande

Von Stefan Höltgen Über 60 Filme hat der schwedische Regisseur Ingmar Bergman in der Zeit von 1946 bis 2003 gedreht. Etliche davon haben Filmgeschichte geschrieben und ihre Bilder in das kulturelle Gedächtnis eingebrannt – so auch sein 1973 erschienener beinahe dreistündiger Szenen einer Ehe (als TV-Miniserie sogar dreieinhalb Stunden lang), in dem zwei der von Bergman am häufigsten eingesetzten Darsteller, Erland Josephson und Liv Ullmann, ein Ehepaar spielen, das sich zumeist in Dialogen über seine Beziehung klar zu werden versucht. Dreißig Jahre später hat Bergman abermals einen Film dem Paar Johan und Marianne gewidmet. Sarabande hat er als seinen letzten Film geplant, und es ist auch sein letzter Film geblieben. Anläßlich seines ersten Todestages haben Kinowelt und Arthaus die TV-Produktion nun auf DVD veröffentlicht.

Marianne ist seit Jahrzehnten von Johan geschieden und will, als sie sich alte Fotos ansieht, nun wissen, wie es ihrem Ex-Mann geht. Er lebt zurückgezogen in der schwedischen Einöde, in einem Haus oberhalb eines Sees gelegen. Dort besucht Marianne ihn überraschend und überredet ihn, ein paar Wochen bei ihm wohnen zu dürfen. Geplant ist eine friedvolle Reflexion der alten Zeiten, ein Austausch über das Gewesene, über die Kinder und darüber, wie man jetzt lebt. Doch zu soviel Eintracht kommt es nicht, denn in einem Seehaus ganz in der Nähe lebt Johans Sohn Henrik mit seiner jugendlichen Tochter Karin. Karin besucht ihren Großvater und nun auch Marianne regelmäßig und berichtet davon, wie ihr Vater sie quält, damit sie als Cellistin auf ein Musik-Konservatorium geht. Nach dem Tod der Mutter hat sich der Vater, selbst aktiver Musiker und Musik-Professor, aus der Welt zurückgezogen und konzentriert nun seine ganze Liebe und Energie auf die Tochter. Das Verhältnis zwischen Henrik und seinem Vater Johan ist allerdings mehr als unterkühlt. Beidseitiger Haß herrscht zwischen ihnen seit der Kindheit Henriks. Unüberbrückbar sind die emotionalen Differenzen zwischen den beiden mittlerweile alt gewordenen Männern, und auch die Beziehungen zwischen Karin und Johan und später Marianne beginnen unter dem enormen emotionalen Druck zu leiden.

Die Wiederaufnahme der dreißig Jahre alten Erzählung fordert zum direkten Vergleich beider Filme auf, den Sarabande kaum bestehen kann. Man sieht dem Alterswerk Bergmans seit Fanny und Alexander, seinem letzten und vielleicht größten Erfolg, an, daß die existenzialistischen Krisen mehr und mehr einer Psychopathologie des Alltagslebens gewichen sind. Die Figuren werden in ihren Problemen extremer, oft unverständlicher, ja, sogar als Wahnsinnige (wie in Die Gesegneten von 1986 oder Dabei: Ein Clown von 1997) dargestellt. Damit einher geht eine Verschiebung der Erzählungen fort vom Parabel- oder wenigstens Beispielhaften, hin zu einer Dokumentation des psychischen und physischen Untergangs. Zuletzt ist Bergman ein Chronist der menschlichen Zerstörung geworden. Davon läßt sich vor allem auch nicht Sarabande ausnehmen, denn die Konflikte sind hier schon rein neurotischer Natur. Die Figuren können einander nicht mehr nahekommen und Verständnis produzieren, weil sie schon zu lange (das verdeutlicht der 30jährige Distanzierungsprozeß von Marianne und Johan und der seit Henriks Kindheit schwelende Haß auf seinen Vater) um Entfernung bemüht sind.

Es mögen Gründe der Finanzierbarkeit, aber auch des vereinfachten Arbeitsablaufs gewesen sein, die Bergman ab Mitte der 1980er Jahre immer häufiger Fernsehproduktionen (mit Fernsehtechnik) haben umsetzen lassen. Sicher ist jedoch, daß selbst seine späten Filme eigentlich das große Format, die Kinoleinwand benötigen, denn der visuelle Konflikt zwischen Protagonist und Umwelt ist stets ein miterzählter Mehrwert in Bergmans Filmen gewesen. In Sarabande fällt diese Diskrepanz besonders ins Auge. Nur wenige Versuche unternimmt die Kamera, die Umwelt, in der sich die Figuren bewegen, durch Establishing Shots zu markieren. Ganz hilflos wirkt gar ein gleich zu Beginn von Mariannes Besuch fotographierter Rundumblick um Johans Haus: Ein See und unendlicher Wald werden da durch Überblendungen als situativer Kontext behauptet, wo ein ausgedehnter Schwenk angebracht gewesen wäre. Sarabande wirkt dadurch noch weniger als Fortsetzung von Szenen einer Ehe, sondern viel mehr als dessen Stiefkind.

Bemerkenswert ist natürlich die Fortentwicklung der Figuren Johan und Marianne, die ihren alten Krieg auf ergreifende Weise wieder aufnehmen, jetzt jedoch mit einer gehörigen Portion Gelassenheit und Ironie weiterführen. Obgleich Erland Josephson sein Alter von über 80 Jahren deutlich anzusehen ist, hat er seinen kühlen Charme und den intelligenten, weltabweisenden Ausdruck nicht verloren. Liv Ullmann, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiert, gehört seit Persona (1966) zu den festen Darsteller-Größen im Werk Bergmans und findet sich in die typischen, zwischen Verzweiflung und Mitleid gelagerten Frauenfiguren des Regisseurs bemerkenswert ein. Ihre Marianne-Figur ist es, die den Film Sarabande erzählt; in einer Rahmenhandlung sichtet sie die Fotos und (re)konstruiert daraus Erinnerungsfragmente, zu denen auch der Besuch bei Johan gehört. Es sind hunderte Bilder, die da vor ihr auf dem Tisch liegen, und sie könnten alle für die zur kulturellen Erinnerung gewordenen Filmbilder Ingmar Bergmans stehen, aus der Marianne/Ullmann nur eines herauszugreifen braucht, um die Frage zu stellen, was denn aus den Figuren und ihren Geschichten geworden ist. Leider kann Ingmar Bergman uns dies nicht mehr selbst erzählen. 2008-08-11 11:52

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