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Tréfa

H 2009. R,B: Péter Gárdos. B: Zsuzsa Bíró, Dezsö Kosztolányi. K: László Seregi. S: Mari Miklós. M: Florence Caillon. P: Magyar Mozgókép Alapítvány, Magyar Televízió, Oktatási és Kulturális Minisztérium, Tivoli Film Produkcio. D: Lóránt Váta, Tamás Lengyel, Mihály Kovács, Zsolt Kovács, András M. Kecskés, Ferenc Takács, Gergely Bakai, Marci Kiss u.a.
93 Min.

Bis zum letzten Streich

Von Anna Ilin Der Regisseur Péter Gárdos bezeichnete Tréfa in einer Podiumsdiskussion als »Atmosphärenfilm«. Er erklärte, daß nicht so sehr der dramaturgische Aufbau des Erzählten an erster Stelle stehe, sondern die Stimmung und Ausdruckskraft der Szenen das Entscheidende sei.

Die nur acht Seiten lange, gleichnamige Kurzgeschichte des bekannten ungarischen Literaten Dezső Kosztolányi (1885-1936) diente dem Drehbuch als grober Leitfaden. Gefilmt wurde vor der Kulisse des Zsámbéker Zichy-Schlosses, welches als das Gebäude eines katholischen Knabenkollegiums fungiert. Wir befinden uns im Jahre 1912. Die im Kolleg lebenden, sich gerade durch die Pubertät quälenden Schüler sollen mit strengen Regeln und spartanischer Lebensführung unter Kontrolle gebracht werden. Obwohl besonders der Klassenlehrer Bruder Zoltán (gespielt von Lóránd Váta) eine liberalere Position vertritt und den Schülern gerne mehr Freiheiten einräumen würde, dominiert der konservative Flügel. Verschärft wird die Situation durch den Neuzugang des Sportlehrers Bruder Weigl, der die Jungen mit drakonischen Strafen um jeden Preis zur Ordnung bringen möchte und einen Kreuzzug gegen die vermeintlich »teuflische Rebellion« seiner Schützlinge führt. Denn um ein wenig Abwechselung in ihren grauen Alltag zu bringen und die Angst und den Druck des Internats auszuhalten, hecken die Jungs ständig neue Streiche aus.

Kosztolányis Text wurde von Zsuzsa Bíró um Personen, Handlungsstränge und Situationen erweitert. So geht es weniger darum, eine komplette Geschichte zu erzählen, als vielmehr verschiedene Situationen und Beziehungen, wie sie in einem solchen Umfeld entstehen können, aufzuzeigen und den eindringlichen Charakter von Kosztolányis Kurzgeschichte einzufangen. Gardós gelingt es großartig, die stillen Sehnsüchte der Jungen, ihre Ängste und hysterischen Späße in braun schattierte, sepiahafte Bilder zu verwandeln. Die vielen Nahaufnahmen schaffen eine besondere Intimität und lassen die Zuschauer tief in die Seelen der Charaktere blicken. Wenn die Schüler gerade einen besonders heftigen Scherz aushecken, werden kleine, stummfilmartige Sequenzen im Zeitraffer eingespielt, in denen ihre Phantasien dargestellt werden: Der Direktor wird geohrfeigt, Tinte ins Weihwasserbecken geschüttet und Bruder Weigl die Ohren langgezogen.

Die einzelnen Figuren erinnern an schon bekannte Archetypen: der heroische Dichter, der verwegen Grobian, der unverstandene Streber, das liberale und das konservative Erziehungsideal. Die scheinbare Vertrautheit mit einigen Charakteren und Situationen dürfte auch damit zu tun haben, daß sich in Klassikern des Genres, wie zum Beispiel in Robert Musils »Die Verwirrungen Zöglings Törleß«, ähnliche Typen und Beziehungsmuster wiederfinden lassen: die bedrückende Kälte der strengen Erziehungsanstalten, die Grausamkeiten zu der dort aufwachsende Jugendliche fähig sind, der sadistische Charakterzug, der vielleicht in Jedem lauert.

In Tréfa haben es die Schüler besonders auf den stillen, fleißigen Szebeni abgesehen. Ihn triezen sie mit nassen Waschlappen, unsichtbaren Schnüren, die durch das Zimmer verlaufen und zusammengeknoteten Schnürsenkeln. Ähnlich wie Musils Basini, lehnt sich auch Szebeni kaum gegen seine Opferrolle auf, sondern erträgt sie stumm und ergeben. Doch anders als Musil geht Gárdos nicht bis zum sexuellen Mißbrauch, obwohl sich dieses Motiv besonders in einer Szene geradezu aufdrängt. Nachdem Bruder Weigl Szebenis Tagebuch mit zahlreichen verräterischen Enthüllungen über die Gedanken der Schüler findet, bittet er Szebeni zu sich in seine Mönchskammer. Er droht ihm mit einem Rauswurf, erwähnt aber, daß es noch eine andere Möglichkeit gäbe, aus der Sache wieder herauszukommen. Angespannt wartet der Zuschauer auf die unverzeihliche Tat. Doch dazu kommt es nicht. Gárdos genügt es, getreu seiner Einordnung als »Atmosphärenfilm«, die unheilvolle Stimmung, eben die Atmosphäre einer solchen Handlungsmöglichkeit erzeugt zu haben.

Vielleicht trifft deshalb das tragische Ende des Film den Zuschauer so unvorbereitet. Wo Gárdos es sonst bei einer Stimmung beließ, kippt diese Herangehensweise am Ende plötzlich, als wir mitansehen, wie die Klasse, berauscht vom Gefühl eines noch nie dagewesenen Spaßes, zu weit geht. Obwohl sich erahnen läßt, was der Regisseur hier darstellen wollte, fühle ich mich überrumpelt und bleibe etwas ratlos zurück. Meiner Meinung nach war dieser Höhe- und Endpunkt nicht ausreichend vorbereitet und läßt den »Atmosphärenfilm« an seine Grenzen stoßen. So ist denn das Ende die einzige größere Schwäche eines ansonsten sehr gelungenen, stimmigen und eben stimmungsvollen Films. 2009-12-18 10:49

Info

gesehen in einem Budapester Kino
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