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Escape

Kynodontas. USA/F 2009. R,B: Julia Zimanofsky. K: Felix Novo de Oliveira. S: Tobias Suhm. M: Michael Kadelbach. P: Senator Film. D: Alexander Gamnitzer, Theresa Scholze, Valentin Kellner, Sandro Lohmann, Beate Malkus, Yoshe Malkus.
20 Min.

Flieh, wenn du kannst

Von Nils Bothmann Seit einigen Jahren ist das Terrorkino wieder im Kommen und das nicht nur in den USA. Nicht nur die amerikanischen Gegenden eines Wrong Turn und eines The Last House on the Left werden heimgesucht, auch durchs australische Outback (Wolf Creek), den brasilianischen Dschungel (Turistas) und durch das ländliche Frankreich (Frontier(s), High Tension) schleppen sich die gepeinigten Opfer auf der Flucht vor degenerierten Missetätern. Die Vorstellung eines solchen Anblicks auf deutschem Ackerboden bebildert Julia Zimanofskys rund 22minütiger Kurzfilm Escape, der den Shocking Shorts Award während des Filmfestes in München gewann.

Warum die namenlosen Kidnapper Frauen entführen und verhackstücken, wer die ebenso namenlose Heldin ist und welchen tieferen Sinn die High Tension-artige Schlußpointe besitzt – all das sind Fragen, die Escape nicht beantworten kann, aber um den Inhalt geht es bei dem Gewinner des Schnitt-Nachwuchspreises beim letztjährigen Film+ auch nicht. Es ist vielmehr die zurecht honorierte technische Seite, die den Film zu einer Entdeckung für Genrefans macht. Bereits die freudianisch aufgeladene Auftaktszene, welche den Anführer der Kidnapper in jungen Jahren zeigt, von dem das Böse in dieser Szene symbolisch Besitz ergreift, vermag den Zuschauer zu fesseln, Interesse für das Folgende zu generieren.

Auch der titelgebende Ausbruch der Heldin aus ihrem Gefängnis punktet vor allem durch die farbarmen Bilder und die langen Einstellungen einer Flucht durch den Dielenboden, durch eine geschickt montierte Konfrontation zwischen Kidnapping-Opfer und Kidnapper-Nemesis, deren Dynamik erst im Schnitt entsteht. Erst durch die Inszenierung kann der Zuschauer die Angst der Heldin während der Flucht, ihre Aggression während des Kampfes und ihre Verwirrung angesichts der plötzlich gewonnenen Freiheit nachvollziehen. So sehr man bei diesen narrativen Mustern dann auch an die ausländischen Vorbilder denken muß, so klar verorten die finalen Freiluftszenen den Film dann wieder in deutschen Landen und zeigen damit, daß der Horror eben nicht nur in der Fremde zu suchen ist, sondern auch in der Heimatgegend verortet sein kann. Unter der Oberfläche, unter der Ackerkruste, aber trotzdem präsent.
2009-10-27 15:56

Info

gesehen auf dem Filmfest München 2009

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #56.
© 2012, Schnitt Online

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