— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Wagah

D 2009. R,B: Supriyo Sen. K: Ranu Ghosh, Najaf Bilgrami. S: Szilvia Ruszev. P: Detailfilm.
12 Min. KurzFilmAgentur Hamburg

Gockelparade

Von Mark Stöhr Wenn Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier die Preisrede hält, die ihm kein geringerer als Wim Wenders geschrieben hat, muß an dem Film was dran sein. Im Februar erhielt Supriyo Sen für seinen Kurzfilm Wagah den Berlin Today Award 2009, der alljährlich im Rahmen des Berlinale Talent Campus verliehen wird. Der Film sei, hieß es in der Jurybegründung, »ein überzeugendes Manifest gegen jede Mauer, die Menschen voneinander trennt«.

Die Mauer im Film steht zwischen Pakistan und Indien. Sie hat nur ein kleines Türchen, Wagah – es ist der einzige Grenzübergang, der die beiden seit 1947 getrennten Länder miteinander verbindet. Rund vier Millionen Muslime verließen damals das heutige Indien, während etwa sieben Millionen Hindus und Sikhs die Flucht in die andere Richtung ergriffen. Tausende von ihnen und ihren Nachkommen treffen sich jeden Abend in Wagah. Ein paar Touristen sind auch dabei. Sie werden Zeugen eines skurrilen Spektakels: des Einholens der Landesflaggen, das in einer feierlichen Parade von Grenzsoldaten beider Länder zelebriert wird.

Regisseur Sen dokumentiert das Ereignis und legt seine absurden Auswüchse frei. In einer furiosen Parallelmontage – ein zweites Filmteam drehte auf der pakistanischen Seite, da Sen als Inder keine Dreherlaubnis bekam – zeigt er die Aufmärsche der Militärs und entlarvt in slapstickartigen Bildfolgen ihre theatralischen Inszenierungen – die sich hüben wie drüben fast bis ins Detail gleichen. Die Dehnübungen vor dem Beginn der Zeremonie, ihre buntaustaffierten Uniformen mit Federschmuck, ihre bis zum Kopf hochgerissenen Beine. Es ist eine Choreographie des Kräftemessens und Balzverhaltens: Gockel zum Appell. Die Dramaturgie spitzt sich immer weiter zu – der Film findet dazu eine Entsprechung in einem beschleunigten Schnittrhythmus. Angefeuert von der aufgebrachten Menge starten die Protagonisten scheinbare Attacken gegeneinander, die exakt an der Grenzmarkierung enden. Sie spielen Krieg mit festen Regeln, die sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet haben, und buhlen um die Gunst ihrer Fans. Die rücken ihrerseits immer näher an das Tor, um einen Blick auf die andere Seite und dort vielleicht zu ihren pakistanischen oder indischen Verwandten zu erhaschen. Mit dem Einholen der Flaggen endet das Inferno – und eine dokumentarische Studie, die es mit Eisenstein und Ruttmann aufnehmen kann. 2009-09-28 11:20

Info

gesehen auf dem Internationalen KurzFilmFestival Hamburg 2009

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #55.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap