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Un autre homme

CH 2008. R,B,K: Lionel Baier. S: Pauline Gaillard. M: Igor Stravinsky, Karol Szymanowski. P: Saga-Productions. D: Robin Harsch, Natacha Koutchoumov, Elodie Weber, Georges-Henri Dépraz, Brigitte Jordan, Olivia Csiky Trnka, Bulle Ogier, Agnieszka Kowalski u.a.
89 Min.

Ceci ne pas un plagiat

Von Constanze Frowein Eine filmische Perle definiert sich nicht lediglich über ihren schimmernden Glanz. Auch die langwährende Entwicklung einer Filmidee aus vielen Eindrücken, die ein Regisseur aus anderen filmischen Bildern im Kopf hat, gleicht dem Entstehen vieler Aragonitschichten zu einer Perle im Inneren einer Muschel.

Die Diskussion mit Regisseur Lionel Baier im Anschluß der Vorstellung seines Films Un autre homme auf dem 27. Filmfest München entfachte die Gemüter zum Thema Plagiat. Der in Schwarzweiß gedrehte Film über den jungen François, der durch das Kopieren von Filmrezensionen die Liebe zum Film entdeckt, wirft viele Fragen zum Thema Copyright auf, der Bedeutung filmischer Zitate und der großartigen Entwicklung, die die Imitation von Kunst für die Menschheit bedeutet. So ist es auch schlüssig, daß der Protagonist als studierter Altromanist mit der Lektüre des »Roman de Renart«, im Deutschen besser als »Reineke Fuchs« bekannt, subtil darauf hinweist, daß es im Mittelalter zur Überlieferung von Texten durchaus üblich war, Geschichten abzuschreiben, um sie zu verbreiten. Renart, dessen Geschichte im Norden Frankreichs um 1170 erstmalig verbreitet wurde, hatte viele Namen. Seine List, andere Tiere und Menschen mit viel Witz zu übertrumpfen, wurde oft erzählt. Die immer neu aufgeschriebenen fabulären Episoden brachten wieder und wieder neue literarische Perlen hervor. Auch François macht sich in Un autre homme die Listen des Fuchses zu eigen – muß ihn aber eigenhändig begraben, was vorausdeutet, daß er nur beinahe am Ziel seiner Träume landet, der Femme fatale Rosa, einer etablierten Filmrezensentin.

Lionel Baier entwickelt ein beliebtes cineastisches Spiel: Filmische Zitate nutzt er als Liebeserklärung an alte cineastische Meister der Nouvelle Vague wie beispielsweise Truffaut. Ein Antoine Doinel war ohne Zigarette nicht vorstellbar. Baier verdeutlicht mit dem im Film durchweg am Rauchen gehinderten François die bildliche Kastration des männlichen Schauspielers durch die Abkehr vom zigarettenrauchenden Helden auf der Leinwand. Baier erklärt dazu, daß mit den emanzipierten rauchenden Filmfrauen in Deutschland, wie beispielsweise Marlene Dietrich, die Entwicklung noch viel komplizierter werde. So erfreut die letztendliche Entwicklung des Filmhelden, als dieser seiner ganz eigenen Rolle als Filmkritiker neben der großen Bulle Ogier bei einem Interviewtermin gerecht wird, indem er mit ihr zum Schluß des Films genüßlich schweigend eine Zigarette auf verbotenem Terrain raucht.

Zum Schluß des Filmgesprächs in München nennt Lionel Baier die gerade verstorbene Großmeisterin der Imitation Pina Bausch. Sie hat mit ihrem Tanztheater durch Nachahmung Urbilder entwickelt, die etwas verdeutlichen, was kaum jemand so tiefgreifend geschafft hat: Die Imitation von Bewegungen, die Wiederholung von Sätzen können Erinnerungen wecken, die vor die Zeit unseres eigenen Lebens hinausgehen. Man mag es spirituell nennen – in der Literatur spricht man ganz nüchtern von Intertextualität. 2009-07-14 15:48

Info

gesehen auf dem Filmfest München 2009
© 2012, Schnitt Online

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