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Turn the River

USA 2007. R,B: Chris Eigeman. K: Hernan Michael Otaño. S: Michael LaHaie. M: Clogs. P: Mr. Nice. D: Famke Janssen, Rip Torn, Matt Ross, Terry Kinney, Lois Smith, Jaymie Dornan, Marin Hinkle, Jordan Bridges, Zoe Lister Jones, Ari Graynor, Tony Robles u.a.

Billard of Broken Dreams

Von Daniel Bickermann Chris Eigeman, als Schauspieler in Filmen von Stillman und Baumbach zu kleinem Ruhm gekommen, wagt in seinem Regiedebüt den radikalen Stimmungswechsel – Turn the River ist ein nüchternes, melancholisches Zockerdrama geworden. Schon Eigemans Drehbuch ist ein Triumph: Die Parallelwelten der freien, aber abgebrannten Mutter Kai und ihres gewitzten Sohnes Gulley sind pointiert und mit bitterem Realismus gezeichnet. Selten sah man Famke Janssen besser als hier: Sie raucht, säuft und betrügt sich durch Pokerzimmer und Billardhallen und wirkt in den Momenten der heimlichen Treffen mit ihrem Sohn doch so verwundbar und schutzlos. Gleichzeitig sah man lange keine so präzise Beobachtung eines korrumpierten Familienhaushalts: Wie der beeindruckende Matt Ross als Gulleys Vater aus Verzweiflung und Charakterschwäche seinen Sohn zum Lügen instrumentalisiert, wie er mit der überlegenen Intelligenz des Teenagers nicht klarkommt, wie er den Kampf mit sich selbst ein ums andere mal verliert, das alles wird nicht nur stimmig und ergreifend, sondern auch ungemein raffiniert und subtil erzählt.

Bei aller Spannung um den Ausbruchsversuch, den sich Kai mit ihrem Jungen erspielen will, wird die Stimmung des Films nie übermütig, sondern bleibt in herbstlichen Farbtönen und kleinen, vielsagenden Gesten verankert. Hervorzuheben ist hierbei vor allem der Soundtrack der Clogs, die als Splittergruppe der New Yorker Band du jour The National den Film mit einem eigens komponierten und eingespielten Soundtrack adelt. Die Musik beeinflußt die schwermütige und zugleich rastlose Stimmung des Films nachhaltig und zählt zum besten, was dieses Jahr durch Kinolautsprecher drang.

Das völlig unterrepräsentierte Genre des Billardfilms hat mit Turn the River ein stimmungsvolles Indie-Juwel hinzugewonnen, das man sich derzeit leider noch aus Amerika auf DVD bestellen muß, das aber, wenn Filmgötter und Heimvideo-Verleiher eine Gerechtigkeit kennen, hoffentlich bald auch seinen Weg nach Deutschland finden wird. 2008-09-29 11:38

Info

gesehen auf dem Filmfest Oldenburg 2008
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