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Lost Highway

USA/F 1996. R,B: David Lynch. B: Barry Gifford. K: Peter Deming. S: Mary Sweeney. M: Angelo Badalamenti. P: CIBY 2000, Asymetrical. D: Bill Pullman, Patricia Arquette, Balthazar Getty, Robert Blake u.a.
135 Min. Senator ab 10.4.97
Von Nikolaj Nikitin Manch einer wirft David Lynch intelektuelle Blödschwätzerei, sinnlose und überladene Bilderfluten vor. Eigentlich nichts Verwerfliches in einer Welt von Einheitsmus. Und überhaupt konnte ich bis jetzt getrost über solche Vorwürfe lächeln. Doch seit Lost Highway muß ich mich ihnen teilweise anschließen.

Anfangs läßt sich noch eine deutliche Verbindung zwischen der Schlußeinstellung der letzen Folge von Twin Peaks und dem Anfang von Lost Highway herstellen, also den im Grunde aufeinander folgenden größeren Regieprojekten Lynchs – sieht man von Fire Walk With Me als chronologischem Prequel ab, und Hotel Room und On the Air hat ja eh keiner gesehen. In seinem Badezimmer schlägt Cooper den Kopf im Moment der totalen Schizophrenie in den Spiegel. Nach der Einstiegsszene der Autofahrt (auf Bowies »I'm deranged«, was man vielleicht auch noch auf den Regisseur beziehen kann) wird dem Zuschauer ein aufgezogener, rot erscheinender Vorhang (Cooper hat gerade die schwarze Hütte verlassen) präsentiert, und die neu geborene Kreatur (Fred) betritt die Welt, bzw. eine neue Sichtweise des ewigen Bösen (BOB) wird uns offeriert: Fred betrachtet sich im Spiegel. Und so schließt sich wieder einmal das klassische Lynchlabyrinth zu einem nachvollziehbaren Ganzen (oder doch nicht?).

Doch leider läßt die Inszenierung der ersten Stunde arg zu wünschen übrig. Tut mir ja leid, aber meine Augen sind nun mal nicht die besten, und ich kann nicht eine Stunde Dunkelheit ertragen – Dunkelheit, die leer ist und nichts ausdrückt und furchtbar mies fotografiert ist. Wo hat er bloß diesen tollen Kameramann ausgegraben, der vorher solche »Meisterwerke« wie Loaded Weapon und Tanz der Teufel II abgelichtet hat? Zum Beispiel diese supervorhersehbare Kamerafahrt, als die Polizisten sich von den Madisons verabschieden: Man sieht eine Vogelperspektive, die langsam auf Augenhöhe herunterfährt, Zwischenschnitt auf das Auto der wegfahrenden Polizisten – mein Gott, was für eine langweilige Schnittfolge.

Doch zum Glück kriegt Lynch nach einer Stunde doch noch die Kurve und macht den Film wenigstens in der zweiten Hälfte erträglich, naja – sogar fast schon wieder gut. Doch alles der Reihe nach: Fred (gespielt von Bill Pullman – den man besser Bill Nullman nennen sollte –, gehört er doch zu den Typen, die nicht umsonst jahrelang Nebenrollen gespielt haben; naja, mit dem Rollennamen Fred ist er genug bestraft) killt seine Frau.

Um das zu erzählen, braucht Lynch diese ellenlange erste Stunde. Hatte ich schon erwähnt, daß man da nichts sieht? Der Sound ist ja ganz fantastisch, aber Kino ist doch immer noch ein visuelles Medium, oder? Da sitzt er nun in der Todeszelle, versucht uns mit mieser Schauspielkunst Kopfschmerz vorzugaukeln und erfindet sich dabei quasi neu. Jaja, als eingelesene Lynch-Kenner wissen wir alle was mit dieser Wiedergeburtschose anzufangen. Das Kind gebiert sich selbst, blabla. Also, viel jünger, cooler und besser aussehend (und tatsächlich spielt der junge Balthazar Getty Bill Pullman so an die Wand wie Flipper einst Paul Hogan), versucht er nun alles nochmal zu erleben und diesmal die Geschichte besser für sich ausgehen zu lassen. Er ist der Betrüger statt des Betrogenen. Er betrügt Mr. Eddy (supercooler Robert »Read the Manual!« Loggia) eigentlich mit seiner eigenen Frau. Ach ja, da das ganze auf zwei Zeitebenen spielt, müssen die Leute zweifache Identitäten besitzen, so heißt Patricia Arquette im ersten Teil Renee und im zweiten Alice, Loggia Dick Laurent und Mr. Eddy, und Fred ist halt Pete. Halt! Natürlich läßt da Lynch einige Unklarheiten, damit alles ja nicht so einfach zu durchschauen ist und man sich den Film mehrmals anschauen soll (»Filme müssen abstrakter werden, denn es gibt inzwischen so viele Möglichkeiten für die Leute, sie mehr als einmal anzuschauen.«). Gar nicht so dumm, Herr Lynch, so kann man auch dafür sorgen, daß die Besucherzahlen gepusht werden. So heißt Andy, ein Freund der Familie (besser gesagt: der Zuhälter, dem wir die scharfe Nacktszene mit Patricia zu verdanken haben) in beiden Teilen Andy usw.

Besonders enttäuschend ist die Verarbeitung des Feuermotivs (mit Ausnahme der rückwärts brennenden Hütte). Wo bleibt diese fantastische Inszenierung der brennenden (oder gerade angezündeten) Zigarette, die uns in Wild at heart so über alle Maßen fasziniert hat? Natürlich kann man einwenden, daß der Meister sich nicht wiederholen will. Aber paßt nicht gerade zur zerspaltenen, ja fast von innen her verbrennenden Persönlichkeit Freds ein außergewöhnliches Stilfeuer? Man sieht ihn immer in gedämpftem Rot, das man als Merkmal einer brennenden Zigarette bezeichnen kann. Wo bleibt der geniale Streichholztoneffekt?

Der zweite Teil hat jedoch durchaus noch seine Momente. Allein die Idee mit der Glasplatte, die Besetzung der Nebenrollen mit Richard Pryor, Gary Busey und Jack Nance (R.I.P.) und wunderschöne Autos machen die erste Schnarchstunde wieder wett. Dieser ganze Zeitschleifenmist ist im Augenblick eh so wahnsinnig in (sich selber Nachrichten hinterlassen und so); erinnert mich irgendwie an die Abenteuer von Bill und Ted. 1970-01-01 01:00

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