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Valerie

D 2006. R: Birgit Möller. B: Milena Baisch, Ilja Haller. K: Kolja Raschke. S: Piet Schmelz. M: Christian Conrad. P: Credofilm. D: Agata Buzek, Devid Striesow, Birol Ünel, Gutbert Warns u.a.
85 Min. Zauberland ab 26.4.07

Aus allen Wolken

Von Tamar Noort Zart und bleich wie ein Schneeflöckchen schwebt sie durch das winterliche Berlin. Ihre große Zeit hat Valerie hinter sich – die Zeit, als ihre Schönheit sie reich gemacht hat. Inzwischen paßt ihr Hab und Gut in ein altes Auto, doch ihr fehlt das Geld für die Parkgebühren: Die Karre ist gefangen in einer Tiefgarage. Valerie schläft zwischen Lenkrad und Armaturen und bemüht sich, wenn schon obdachlos und ohne Job, wenigstens ihre Würde zu bewahren.

Die Geschichte eines gefallenen Engels, eines Models, das sich konsequent nicht eingestehen will, daß die Champagnerzeiten vorbei sind – das hat mit der tatsächlichen Armut in Deutschland nicht gerade viel zu tun. Valerie zu bedauern fällt schwer, man möchte der Dame im Pelz mit der Audrey Hepburn-Sonnenbrille gern zurufen: Ein Gläschen Champagner weniger hätte es auch getan! Doch gerade die Selber-Schuld-Mentalität ist vermutlich das, was Valerie mit vielen Menschen in Deutschland verbindet, die tatsächlich nicht wissen, wie sie ihren Kindern die Schulmilch bezahlen sollen. In einer kapitalgesteuerten Gesellschaft ist es ein Makel, mittellos zu sein: Man schämt sich. Valerie verschließt schlicht die Augen vor der Realität, anstatt sich ihren Modelkolleginnen anzuvertrauen und sich helfen zu lassen. Der verzweifelte Wille, um jeden Preis ihre Würde zu bewahren, mündet letztlich darin, sie gänzlich zu verlieren. Valerie landet, in einem letzten Versuch, aus ihrem Körper Kapital zu schlagen, bei einem Mann auf dem Sofa, der willens ist, für ihre Gesellschaft zu bezahlen.

Birgit Möllers Film rührt das Thema Armut an der Oberfläche an – doch das Bestreben des Films ist es wohl auch eher, die Odyssee des gefallenen Engels zu verfolgen. Agata Buzek gibt Valerie eine Gleichmütigkeit, die fast ans Unwirkliche grenzt. Gelegentlich perlt eine Träne hinab, doch der Zuschauer muß selbst erahnen, was sich hinter dem puppenhaften Gesicht abspielt. Diese stumme Art der Mitteilung ist durchaus Konzept des Films: Die Geschichte erzählt sich an entscheidenden Punkten über Leerstellen. Valeries dreiste Tricks, sich in einem Hotel eine Dusche zu erschleichen, werden von Anfang bis Ende durchexerziert. Doch wenn sie endlich dem Parkwächter André gesteht, daß sie kein Geld hat, seine Tiefgarage zu verlassen, bleibt die Bemerkung mitten im Raum hängen. Später freundet sie sich mit ihm an, aber auch Andrés Geschichte wird nur angedeutet, sie formt sich nicht vollends aus. Damit folgt der Film seiner eigentlichen Aussage: Die Intimität der eigenen Not ist kaum zu überwinden. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #46.
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