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Der Pianist

F/D/PL/GB 2002. R: Roman Polanski. B: Ronald Harwood. K: Pawel Edelman. S: Herve de Luze. M: Wojciech Kilar. P: Studio Babelsberg, Les Films Alain Sarde u.a. D: Adrien Brody, Thomas Kretschmann, Frank Finlay u.a.
148 Min. Tobis ab 24.10.02

Privatkonzert

Von Dietrich Brüggemann Nach dem kraftlosen The Ninth Gate und dem Rummel um die Dreharbeiten, war für Roman Polanskis neuen Film einiges zu befürchten. Manche sahen schon eine jener melodramatisch auf Emotion frisierten Leidensgeschichten mit Moralanspruch vor dem geistigen Auge entstehen. Noch so ein Film über jene Epoche, die von der Filmindustrie restlos vereinnahmt und in Genrekino verwandelt wurde, Nazideutschland als transrealer Abenteuerspielplatz mit Gruseleffekt.

Der fertige Film hingegen erweist sich als unerwartetes Juwel. Polanski schert sich kein bißchen um den Troß der vorausgegangenen Nazifilme. Er erzählt die Geschichte seines Protagonisten konsequent und eigensinnig, er weicht ihm nicht von der Seite, als nach und nach all seine Mitmenschen aus der Handlung verschwinden, und verläßt niemals seine Perspektive. So reduziert er die Leidensgeschichte vom Pathetischen ins Private und macht aus dem Pianisten Szpilman einen Jedermann, der dem Terror, der aus heiterem Himmel sein Leben verwüstet, nichts als fassungsloses Staunen entgegenzusetzen weiß.

Szpilman ist kein Held und auch kein Antiheld, er ist ein Mann ohne Eigenschaften, der nicht sterben will. Als die letzten Freunde ihn verlassen haben, verstummt auch der Film, über weite Strecken wird kein Wort gesprochen, doch wir erleben die Geschehnisse aus Szpilmans Augen und durch seine Ohren, die für einen Moment taub werden, als eine Granate in seinem Versteck einschlägt. Und wenn er am Ende als ausgemergeltes Gespenst durchs zerstörte Warschau schleicht, sind wir ihm so nahe, wie man einer Filmfigur überhaupt sein kann.

Polanski demonstriert nicht, er läßt geschehen und uns zusehen. All das inhumane Entsetzen findet seinen Platz im Kopf des Zuschauers. Zusammen mit Adrien Brodys Leistung in der Titelrolle, vor der man sich nur tief verbeugen kann, entsteht ein Film, der mit einigem Recht als Polanskis bislang größtes Werk betrachtet werden kann. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #28.

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