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Der Pianist

F/D/PL/GB 2002. R: Roman Polanski. B: Ronald Harwood. K: Pawel Edelman. S: Herve de Luze. M: Wojciech Kilar. P: Studio Babelsberg, Les Films Alain Sarde u.a. D: Adrien Brody, Thomas Kretschmann, Frank Finlay u.a.
148 Min. Tobis ab 24.10.02

Kraft aus Musik

Von Frank Brenner Roman Polanskis neuer Film beginnt mit dem Bombardement Warschaus, die den Angriff Hitler-Deutschlands auf Polen im Jahr 1939 signalisiert. Der gefeierte Konzert-Pianist Wladyslaw Szpilman weigert sich beharrlich, sein Live-Konzert für den Radio-Sender zu unterbrechen und bleibt im Aufnahmestudio am Klavier sitzen, bis die technischen Einrichtungen zerstört sind. Der Zuschauer wird den von Musik besessenen Juden im Laufe des Films durch Zeiten der Demütigung, der Angst und der Entbehrungen begleiten.

Am Beispiel dieses Einzelschicksals findet Polanski immer wieder neue erschreckende Bilder, die sich zu einer Geschichtsstunde über die nationalsozialistische Besatzung Polens verdichten. Zunächst werden die Juden gezwungen, Armbinden mit Davidstern zu tragen, dann in ein eigens eingerichtetes Ghetto umgesiedelt, um schließlich in Konzentrationslager deportiert zu werden. Szpilmans Familie ist auch darunter, nur er selbst entgeht knapp diesem Schicksal.

Aber der Regisseur zeigt uns auch den Widerstand im Ghetto und die sukzessive Zerstörung der gesamten Stadt, bis sie zuguterletzt von der sowjetischen Armee befreit wird. Szpilman erlebt das Kriegsende nur aufgrund der Musikbegeisterung eines deutschen Offiziers und schrieb seine Erfahrungen unmittelbar danach nieder; die Autobiographie diente Polanski als Vorlage.

Hunger und Durst sind zwei der dominierenden Elemente in Polanskis Film, der dort angesiedelt ist, wo auch der Regisseur Teile seiner Kindheit verbringen mußte: im jüdischen Ghetto Warschaus während des Zweiten Weltkriegs. Die Bilder, die der polnische Exulant für den Kampf ums tägliche Brot findet, prägen sich nachhaltig im Gedächtnis ein.

Da wird einer Frau auf offener Straße die gerade gefüllte Terrine aus der Hand gerissen; die Suppe landet bei dem Handgemenge auf dem schlammigen Boden, wo sie der Dieb gierig aufleckt. Und kurz vor der Deportation ins Lager Treblinka kauft Familie Szpilman für den Wucherpreis von 20 Zloti ein Bonbon, das der Vater in sechs gleiche Teile schneidet, um jedem ein Fitzelchen davon geben zu können.

Mit Akribie und spürbarem Herzblut hat Polanski die dunkelste und gewalttätigste Zeit des 20. Jahrhunderts ohne Zugeständnisse zu machen wieder lebendig werden lassen. Die Unbarmherzigkeit und Willkür der deutschen Invasoren lassen einem den Atem stocken und die Ausdauer und den Überlebenswillen des Protagonisten umso mehr bewundern. Den gefeierten polnischen Klaviervirtuosen Wladyslaw Szpilman hat nicht zuletzt durch die Kraft der Musik die Hoffnung nie verlassen.

Und wenn Polanskis Film auch eine erschreckend reale, bedrückende und betroffen machende Reise zurück in der Zeit ist, keimt nach zwei Stunden des Terrors und der Verzweiflung doch Hoffnung auf. Obwohl Polanski der autobiographischen Vorlage eine »kaltschnäuzig wirkende Objektivität« attestiert, ist der Pianist eine betont subjektiv erzählte Geschichte. Der Zuschauer bekommt bis auf eine kleine Ausnahme nur Ereignisse gezeigt, die der Protagonist erlebt. Die Kamera präsentiert mitunter nur begrenzte Ausschnitte des Geschehens, die dem Blickfeld Szpilmans entsprechen. Dadurch gelingt es dem Regisseur noch besser, emotional zu binden und das Grauen erfahrbar zu machen. Von Roman Polanskis persönlicher Vergangenheitsbewältigung kann man auch als Zuschauer noch seinen Nutzen ziehen. 1970-01-01 01:00

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