— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Intimacy

Intimacy. F/I 2000. R,B: Patrice Chéreau. B: Anne-Louise Trividic. K: Eric Gautier. S: François Gédigier. M: Eric Neveux. P: Telema. D: Mark Rylance, Kerry Fox, Timothy Spall, Alastair Galbraith, Marianne Faithfull u.a.
119 Min. Prokino ab 7.6.01

Die Lüge bleibt

Von Thilo Wydra London, Gegenwart. Eine Frau, ein Mann. Jeden Mittwoch, selbe Uhrzeit, selber Ort. In seiner heruntergekommenen Wohnung treffen sie sich, wissen nichts voneinander, weder Namen noch Beruf, weder Familienstand noch sonst irgendetwas. Zwei Fremde. Und nur der reine Sex ist es, der sie verbindet. Sonst nichts. Er heißt Jay, sie heißt Claire. Das erfährt er, als er ihr eines Tages nachgeht, die völlige Anonymität ob der völligen Intimität nicht länger erträgt. Sie spielt in einem kleinen Kellertheater in Tennessee Williams' »Glasmenagerie« mit, und ein Stockwerk höher spielt ihr Mann Andy, ein einfältiger Taxifahrer, Billard mit seinen Lads. Jay bricht in diese geordnete Welt ein, und obwohl sich äußerlich nichts verändert, wird nichts mehr so sein, wie es einmal war. Zuletzt war er mit dem komplexen Ensemble-Film Wer mich liebt, nimmt den Zug (1999) in den Kinos präsent, nun legt der vielseitige französische Regisseur, Autor und Schauspieler Patrice Chéreau mit Intimacy, dem diesjährigen Gewinner des Goldenen Bären, seinen ersten englischsprachigen Film vor. Intimacy ist ein ambivalenter Film. Und Chéreau heizt damit sogleich die Diskussion um die neuralgisch-heikle Frage erneut an, ob es sich hier um hehre Filmkunst oder simple Pornographie handelt. Und fast möchte man meinen, die Franzosen hätten ein neues Sujet gefunden, den semi-pornographischen Kunstfilm. Doch Chéreaus zweistündiges Kammerspiel – von Eric Gautier in kalten, blau-grauen Bildern gehalten – ist viel eher subtile Studie einer Obsession und ihrer schmerzlichen Gründe als primitiver Porno-Trash. Chéreau, der nur selten nach draußen geht und sich hauptsächlich in der Wohnung oder in dem Theater-Pub aufhält, führt hier nichts anderes als das Scheitern vor, verfehlte Lebenspläne, erloschene Lieben und die fatalen Lügen, die damit einhergehen. Daran ist nichts pornographisch, sondern dies ist authentisch. Und wenn auch so manche Liebesszene zuviel enthält und der Film mit seiner satten Laufzeit etwas zu lang ist, so vermag er dennoch zu überzeugen, gerade weil er so schonungslos offenbart, wie tief Menschen einander verletzen können und wie tief sie in einer fast schon autistischen Einsamkeit versinken können. Am Schluß dann sagt Claire zweimal »no«, als Jay sie fragt, ob sie nicht bei ihm bleiben wolle und ob sie sich von Ehemann Andy nicht schon getrennt habe. Dann erst geht Gautiers Kamera wieder hinaus auf die Straße und zeigt einen dieser roten Londoner Busse, wie er gerade vorbeifährt – und mit ihm Jays Liebe. Die Lüge aber bleibt. Und die Sehnsucht. 1970-01-01 01:00

Weitere Autoren

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #22.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap