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In the Mood for Love

In the Mood for Love. HK 2000. R,B: Wong Kar-wai. K: Christopher Doyle, Li Ping-bing. S,P: William Chang. M: Mike Galasso. D: Maggie Cheung, Tony Leung, Chiu Wai, Lai Chen, Rebecca Pan, Paulyn Sun u.a.
97 Min. Prokino ab 30.11.00

Kleine Gesten

Von Andreas Ungerböck Wem es bis jetzt nicht klar war, der wird es an diesem Film demonstriert bekommen: Wong Kar-wai ist einer der besten und aufregendsten Regisseure der Gegenwart. Die Geschichte ist simpel: Es geht um einen Mann und eine Frau, die mit ihren jeweiligen Ehepartnern ins selbe Haus gezogen sind. Die Ehepartner sind ständig auf Reisen – wir sehen sie nicht ein einziges Mal – und haben eine Affäre miteinander. Der ganze Film besteht darin, zu zeigen, wie die beiden Verlassenen aufeinander zusteuern, über ihre Einsamkeit sinnieren und die Möglichkeit ausloten, ihrerseits eine Beziehung miteinander einzugehen.

In the Mood for Love orientiert sich offensichtlich an Days of Being Wild (1990), zu dem bekanntlich ein zweiter Teil hätte gedreht werden sollen, aber nie zustande kam. Die Hinweise sind überdeutlich: Maggie Cheung trägt denselben Rollennamen (Su Li-zhen) wie damals, die Zeit ist dieselbe, das Setting ebenso, und die in den 60er Jahren sehr populäre Sängerin Rebecca Pan spielt in beiden Filmen. Trotzdem wäre es völlig verkehrt, den Film für eine Fortsetzung von Days of Being Wild zu halten, eher scheint es, als sei Wong mit der Lupe an den älteren Film herangegangen und habe einen Ausschnitt gewählt, den er nochmals aufgreifen und vertiefen wollte. Angereichert ist das mit den Stilmerkmalen, die Wong erst seit damals entwickelt hat, der Besessenheit vom Faktor Zeit und der fast überlebensgroßen Bedeutung von Ritualen: Hier holen die beiden Einsamen jeweils ihr Essen aus der selben Kneipe, weil alleine zu kochen fürchterlich ist. In den kleinen Gesten, die aufmerksam gesehen werden wollen, entfaltet sich wie stets bei Wong Kar-wai das ganze Universum: Wenn Maggie Cheung einmal gedankenverloren ganz zart über Tony Leungs Bauch streichelt und sich, des Ungeheuerlichen bewußt werdend, sofort scheu abwendet, sagt das mehr als tausend Worte.

In the Mood for Love ist aber auch ein Denkzettel für alle, die meinen, Wong und Christopher Doyle könnten gar nichts anderes, als Plotfragmente zu wilden Collagen zusammenzubasteln. Nicht nur erzählt der Film eine kohärente Geschichte, er ist auch geradezu klassisch inszeniert und gefilmt – keine Handkamera-Orgien, kein Zeitraffer, keine Fischaugen-Linsen; Doyles und Li Ping-bings Kamera ist sehr ruhig und fließend und trägt wesentlich zur Schönheit des Films bei. Wie immer ist diese Schönheit keine hohle, äußerliche, sondern steht in enger Beziehung zur Sensibilität und Verletzlichkeit von Wongs Figuren. 1970-01-01 01:00

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Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #20.
© 2012, Schnitt Online

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