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Die fabelhafte Welt der Amélie

Le fabuleux destin d'Amélie Poulain. F/D 2001. R,B: Jean-Pierre Jeunet. B: Guillaume Laurant. K: Bruno Delbonnel. S: Hervé Schneid. M: Yann Tiersen. P: Victoires/MMC Independent. D: Audrey Tautou, Mathieu Kassovitz, Rufus, Serge Merlin, Yolande Moreau u.a.
120 Min. Prokino ab 16.8.01

Das Glücksprinzip

Von Thomas Warnecke Am 30. August 1997 ändert sich alles: Während im Fernsehen Lady Di's Tunneltod gemeldet wird, findet die Pariser Kellnerin Amélie Poulain hinter einer Kachel im Bad eine Blechdose, in der einst ein Junge seine wertvollste Habe versteckt hatte. Sie beschließt, ihn zu suchen und findet dabei die Aufgabe ihres Lebens: andere glücklich zu machen. Dabei bevorzugt Amélie den Umweg, das Versteckspiel, den gezielten Einsatz scheinbaren Zufalls. Wie Lektionen in gehobenem Drehbuchschreiben folgt der Zuschauer ihren Einfällen, die immer sofort, manchmal beschleunigt im Zeitraffer, in die Tat umgesetzt werden.

Das ist die Kunst Amélies – oder des Films, was das gleiche ist: Sie läßt uns sehen, daß es gut war, was sie gemacht hat. Wir bemühen uns, alles im Auge zu behalten, und dabei kommt uns manches aus dem Sinn, so daß uns jede glückliche Fügung neu überrascht, weil wir nicht aufgepaßt haben, weil es unterwegs so viel zu sehen gab. Denn das ist das Kino von Jean-Pierre Jeunet vor allem: der pure Augenschmaus. Eine Farbigkeit wie auf alten handkolorierten Postkarten, doch ohne vergilbt oder gar falsch zu wirken. Das Grün und Braun der Wohnungen derer, die sie fast nie verlassen: der Concierge Madeleine Wallace und des alten Dufayel, der für Amélie ist, was sie für die anderen: Fortuna. Grün ist auch das Wasser des Kanals, auf dem Amélie ihre Steinchen springen läßt, und Grün und Sandsteingelb ist Paris. Rot ist die stärkste aller Farben, die Farbe ihrer Lippen, ihrer Wohnung und der vielen kleinen Dinge, die durch die Geschichte wandern wie der bekannte Faden. Und Rot ist naturgemäß die Farbe des Sexshops, in dem Amélies Liebster, noch ohne von ihr zu wissen, arbeitet. Ihm folgt sie durch die Bahnhöfe der Stadt, weil er an den Paßbildautomaten die weggeworfenen Bilder sammelt und damit die Anzahl der Filmgesichter und Geschichten vervielfacht. Der Vollständigkeit der Palette wegen: Blau ist ein besonders effektvoller Lampenschirm und sind auch die Wegweiser auf dem Asphalt, und Blaugrauschwarz sind die Fernsehbilder, die der Cutter mit dem schönen Namen Hervé Schneid immer wieder zwischen Bruno Delbonnels Kameragemälden aufblitzen läßt, um ein bißchen Gift der Gegenwart unter die nostalgisch warme Oberfläche zu spritzen.

Doch sind die Oberflächenreize nicht einfach nur Chic, sie sind das geglückte Ergebnis von Jeunets Bildersuche, die den ganzen Film letztlich ausmacht: Wie der alte Dufayel Jahr für Jahr Renoirs »Frühstück der Ruderer« malt, um den perfekten Ausdruck auf allen Gesichtern zu erreichen, so filmt Jeunet seine vielen kleinen Geschichten, um immer wieder den einen Moment des Glücks zu erhalten, was ihm mit Amélies tatkräftiger Unterstützung des Zufalls immer wieder gelingt. Daß die süße Darstellerin der emsigen Amélie ausgerechnet Audrey Tautou heißt, kann kein Zufall sein. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #23.

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