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John Rambo

USA 2007. R,B: Sylvester Stallone. K: Glen MacPherson. S: Sean Albertson. M: Brian Tyler. P: Rogue Marble, Emmett, Furla Films u.a. D: Sylvester Stallone, Julie Benz, Matthew Marsden, Ken Howard, Graham McTavish u.a.
92 Min. Warner ab 14.2.07

Fährmann Sly

Von Carsten Tritt Ausgesprochen unverständlich ist zunächst, daß John Rambo, wie der Film in Deutschland heißt, weil der englische Titel Rambo hier schon für den Film First Blood verwendet wurde – ich werde ihn im Folgenden mal einfach Rambo IV nennen – trotz Freigabe ab 18 Jahren für die hiesige Kinoauswertung gekürzt werden mußte. Es bleibt ein Geheimnis der deutschen Zensurgesetzgebung, weshalb man hier immer noch glaubt, erwachsenen Menschen vorschreiben zu müssen, was für Filme sie zu gucken haben. Im angrenzenden Ausland hat man diese Probleme nicht, dort läuft Rambo IV ungekürzt und zumeist freigegeben ab 16 Jahren – in Frankreich sogar schon ab 12, weil man dort argumentiert, die im Film dargestellte Gewalt habe wohl kaum was mit dem Alltag französischer Jugendlicher zu tun. Nur hierzulande hält die Bastion der Kunstzensur weiter stand und läßt zur Schere greifen. Merkwürdigerweise besteht dabei eine gewisse Schnittmenge zwischen den Politikern, die die deutschen Zensurgesetze befürworten bzw. noch verschärfen wollen, und den Politikern, die es als für die Kunstfreiheit unverzichtbar verteidigten, daß in der Berliner Inszenierung von »Idomeneo« drei abgeschlagene Köpfe von Religionsführern präsentiert werden – obwohl die Oper auch kein tiefsinnigeres Drehbuch hatte als Rambo IV, wenn auch, zugegeben, Mozarts Soundtrack etwas besser ist.

Der Deutsche an sich scheint sowieso nicht so recht mit den Rambo-Filmen warm zu werden. Daß Rambo I das Prädikat »Besonders wertvoll« erhielt, war ja in Deutschland bereits ein Aufreger. Als später Rambo II für das Kino ab 16 Jahren freigegeben werden sollte, gab es den nächsten Proteststurm, so daß die Altersfreigabe nachträglich auf »nicht unter 18« hochgesetzt wurde, und weil auch das nicht reichte, wurde der Film ja danach auch noch indiziert. Nachdem dann aber die Filmbewertungsstelle es wagte, Rambo III mit dem Prädikat »wertvoll« auszuzeichnen, spielte das deutsche Feuilleton völlig verrückt. Noch im November letzten Jahres wurde übrigens diese Entscheidung in einem anderen deutschen Filmmagazin als eine der »größten Skandalentscheidungen« der Filmbewertungsstelle stilisiert, warum auch immer. Insofern ist es eigentlich sogar wenig verwunderlich, wenn Rambo IV gleich nur in gekürzter Fassung ins Kino kommt. In der ersten Stunde des Films fällt das freilich nicht mal sonderlich auf, allerdings ist dafür dann das Finale komplett zerstückelt und völlig unanguckbar – eigentlich hätte man die letzte große Ballerei ganz rausschneiden sollen und Stallone ein »Hände hoch, sie sind verhaftet« drübersynchronisieren sollen, das wäre dann wenigstens konsequent gewesen.

Abgesehen davon, daß solche Zensur ein grundsätzliches Ärgernis darstellt, entstellt sie im vorliegenden Fall auch einen zumindest in der ungekürzten Originalfassung herausragenden Actionfilm. Rambo IV knüpft dabei weniger an den Materialschlachten des dritten Teils an, sondern besinnt sich auf die Wurzeln des 80er-Jahre-Söldnerfilms. 1979 war, die Älteren werden sich erinnern, Apocalypse Now so erfolgreich an den Kinokassen, daß er den Kriegsfilm des nachfolgenden Jahrzehnts entscheidend prägen sollte. Von nun an kämpften sich zahlreiche B-Darsteller in zumeist auf den Philippinen hergestellten Söldnerfilmen durch ost- und südostasiatische Dschungelgebiete. Mehrfach dabei war übrigens auch Stallones Synchronsprecher Thomas Danneberg, der unter anderem in Antonio Margheritis Geheimcode: Wildgänse, einem der gelungensten Vertreter dieses Subgenres, an der Seite von Lewis Collins und Lee van Cleef im Goldene Dreieck agiert. Auch Rambo II war, wenn auch in einer höheren Preisklasse produziert, dieser damaligen Strömung verhaftet. Wie das »Grindhouse«-Projekt von Rodriguez und Tarantino ist somit Rambo IV eigentlich die Wiederbelebung eines vergessenen Genres und einer verlorenen Bahnhofskino-Subkultur.

Stallone hat sicherlich als Regisseur nicht das Talent von Tarantino, Rodriguez oder Margheriti, aber er nutzt seine Fähigkeiten hier zumindest in bester Manier. Mit Rambo IV bleibt er dabei ganz dem Söldnerfilm der 80er Jahre verhaftet. Die Darstellung der Kampfszenen etwa ist schnörkellos und direkt, als ob es eine Gewaltästhetik von Leone, Peckinpah oder John Woo nie gegeben hätte. Selbst die Möglichkeiten neuer technischer Entwicklungen wie CGI und digitale Aufnahmeverfahren zeigt Stallone nur äußerst moderat. Der Film steht zu seinem rauen B-Film-Charakter, und läßt nur das zu, was für eine spartanische Inszenierung unabkömmlich ist. Die Dialoge beschränken sich auf die üblichen Platitüden, die zur Schaffung der Kriegsfilm-Atmosphäre erforderlich sind, und werden sparsam genug eingesetzt, um nicht zu stören. Danneberg dürfte für seine Synchronisation der Titelfigur kaum mehr als einen Vormittag gebraucht haben. Der Regisseur und Drehbuchautor Stallone hantiert aber dabei mit den bekannten Elementen, so daß er zwar weder etwas völlig Neues erschafft, noch mehr als einen Genrefilm abliefert, jedoch dieser Film zum Besten wird, was das Genre zu bieten hat.

Beispielhaft sei die übliche Bootsfahrt erwähnt. Sie ist ein unverzichtbares Element eines jeden Dschungel-Söldnerfilms, und überführt den jeweiligen Protagonisten von seinem Ausgangspunkt/Stützpunkt als einem Ort einer relativen Zivilisation in sein Einsatzgebiet. Die Flußfahrt, gerne über den Mekong, hier wohl entlang des Saluen, verinnerlicht dabei das langsame Eindringen in die genrespezifische Hölle des Dschungelkrieges, entsprechend der Überquerung des Styx vor dem Eintritt in die Unterwelt. Stallones Figur macht diese Reise gleich zweimal, zuerst, als er eine Gruppe christlicher Missionare von Thailand ins birmanische Bürgerkriegsgebiet geleitet, dann erneut, wenn er die Söldner auf seinem Boot transportiert, die die Missionare befreien sollen. Im Gegensatz zu Rambo II und Rambo III und den meisten Söldnerfilmen ist Rambo also zunächst gar nicht der Nihilist, der in den Hades hinabsteigen muß, sondern sogar ein noch deutlich nihilistischer Charon, der in minutenlangen Szenen schweigend das Gutmenschentum der Missionare und die Provokationen der Söldner mit demselben einen Gesichtsausdruck ignoriert, der dem Schauspieler Stallone für den gesamten Film ausreicht. Wenn man den überlangen Abspann und den allerdings auch unnötigen pseudopolitischen Prolog aus Dokumentarmaterial abzieht, dürfte der Film auf eine Nettolaufzeit unter 80 Minuten kommen. Dennoch zeigt der Film äußerst langsam die Rückwandlung der Rambo-Figur, und führt schließlich seinen Protagonisten sogar zu einem großartigen Abschluß, indem er ihn die Reise beenden läßt, die 1982 in First Blood unterbrochen wurde.

Zugleich entwickelt sich dies alles bei Rambo IV eingebettet in klassisch inszenierter Action, die sich schließlich ungebremst entlädt (aber nicht in der gekürzten deutschen Fassung), und in einer Zelebration der Zerstörung mündet, geistesverwandt etwa dem Ende von Zabriskie Point, wenn auch in einer im Vergleich zu Antonionis Film völlig unterschiedlichen, rauhen Darstellung, und in einer Zerstörung eben nicht einer kritisierten Kultur, sondern Adaption der Zerstörung als Kultur. Freilich wäre es ein Fehler, die Rambo-Filme hier überzuinterpretieren. Auch der amerikanische Zuschauer, vielleicht mit Ausnahme von Ronald Reagan, wird gemerkt haben, daß bereits Rambo II und Rambo III weniger politische Filme waren denn intensives Effektkino, und für den vierten Teil gilt, daß ein Flammenwerfer manchmal auch nicht mehr ist als eben ein Flammenwerfer. Wenn das ganze so perfekt, so dicht gemacht ist, ist das aber durchaus ein höchstes cineastisches Spektakel, zumal hier in einer wunderbar geradlinigen Machart, wie man sie im amerikanischen Actionkino sehr lange vermißt hat – Rambo IV ist diesbezüglich nicht weniger als ein Instant Classic. 2008-02-17 20:48

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